Flugblatt

Der Gewaltforscher Jörg Baberowski war vom CDU-nahen Ring Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS) zu einem Vortrag eingeladen worden, wogegen der Asta aufgrund seiner Äußerungen zur Flüchtlingspolitik unter dem Motto: „Keine Uni dem Rassismus! Rechtsradikalen das Podium nehmen!“ Sturm lief und der Vortrag letztlich woanders stattfand.
Das Engagement linker Aktivbürger gegen alles, was rechts von ihnen steht und deshalb rechtsradikal sein muss, verdrängt den eigenen Beitrag zur Faschisierung. Dabei macht die linke Moral einem Baberowski in Sachen Faschismusverstehertum und Völkerverbundenheit tüchtig Konkurrenz. Von so etwas wie Islamkritik wollen beide Seiten nichts wissen. Sortiert wird ganz allgemein nach Nützlichkeit, an der Grenze wie im Diskursalltag. Wo sich kein Mehrwert garantieren lässt, wird mit Glück geduldet, mit Sicherheit zwangspädagogisiert.

Wer nicht mittun will, beim allgemeinen Lob der Differenz und dem notwendig daraus folgenden Ethnopluralismus, der statt Menschen mit Bedürfnissen nur noch Kulturen und ihre Diskurs‘praxen‘ kennen will, steht bei Postmodernisten schlecht im Kurs.
Dabei sind die Vertreter des verkommenen ‚Dunkeldeutschland‘, dessen dumpfesten Schreihälsen man den Sozialhilfebezug sofort ansieht, ebenso abstoßend wie arm dran. Dass sie nicht gebraucht und vom postmodern engagierten Milieu in Permanenz deklassiert werden müssen, damit dessen Repräsentanten sich ihrer Mobilität und ihres relativen Reichtums nicht zu schämen brauchen, haben jene längst gelernt.
Jörg Baberowski ist kein sozial Deklassierter, sondern deutscher Geschichtsprofessor, also arrivierter deutscher Ideologe. Er hat nichts im Gepäck, was nicht längst unzugegebenermaßen zu den Grundpfeilern der hiesigen Ordnung gehört. Gesellschaftliche Einheit stellt sich her durch Spaltung. Instrumentelle Vernunft, identitärer Mehrwert, Pragmatismus und Selbstverwertung folgen der vergleichenden Automatik des prozessierenden Werts, der allseitige Konkurrenz verbürgt. Wer keinen guten Grund für seine gesellschaftliche Reproduktion vorbringen kann, wird von der Gesellschaft, der Herrschaft und Ausbeutung zum Naturgesetz erstarrt sind, nicht gebraucht. Moralabfall, der Geschäft und Ansehen ruiniert, kontern Jobcenter, Staatsantifa und dialogbereite Öffentlichkeit mit Befreiungsdienst für die Gemeinschaft: den Mängelwesen wird Kultur verordnet.

Ein Baberowski spricht von Wurzeln, wenn er Tradition meint, sein Eintreten für einen halbwegs pazifizierten öffentlichen Raum einer Gesellschaft, die sich immerhin das Recht herausnimmt, auf den Verwertungsregeln liberaler Ideologie zu beharren, kommt wenig überraschend ohne Begriff vom gegenwärtig größten Feind einer solchen Gesellschaft aus: dem Mehrheitsislam. Sein Statement zur jihadistischen Gewalt könnte genauso gut vom Zentralkomitee der Studierenden und seinem konsentierten Meinungspluralismus stammen: „Die jungen Leute, die angeworben werden, sind ahnungslos. Sie haben die Vorstellung, der Dschihad sei ein Abenteuer, eine unblutige Sache. […] Eben haben sie noch in Wolfsburg bei Volkswagen gearbeitet und jetzt müssen sie sich binnen zwei Wochen an den Krieg gewöhnen. Der Islam dient ihnen nur dazu, die Gewalt rückwirkend zu rechtfertigen.“
Wie die Diskurssalafisten vom Asta, für die Islamkritik Schmutz ist, bekommt ein Baberowski mit seiner foucault-inspirierten Lehre eigengesetzlicher Gewalträume nichts in den Blick. Wo Macht zu Macht, Sein zum Sein und Zitation zur Freiheit werden soll, wird alles in naturgesetzlicher Dignität zum Verschwinden gebracht. Zwischen abgespaltenem Bedürfnis, das auf Nichidentisches projiziert wird, der dieses Manöver begleitenden rationalisierenden Lüge und den fortwährend halbbewusst vollzogenen fensterlosen Zwängen kann nicht vermittelt werden.
Im Angesicht des voranschreitenden Zerfalls einer kaum gekannten, aber trotzdem zu erinnernden, wenigstens halbwegs bürgerlichen Ordnung, kann ihr Umschlagen in die Währung von Respekt und Ehre, in sich spinnefeindlich gesinnte Clans, Banden und Bedarfsgemeinschaften, die sehr gut ohne allgemeinen Souverän funktionieren oder von diesem auf Sparflamme gehalten werden, nicht von jedem, aber jederzeit als postnationaler, allgemein zustimmungsfähiger Trimm-dich-Mehrwert verbucht werden. Wo sich der spätkapitalistische Wahlspruch: ‚auf Dich kommt es an‘ mit je besserem Gewissen durchexerzieren lässt, können alle unbeschadet, aber meist zum Schaden aller anderen, auf ihren identitären Macken bestehen. Es ist kein Zufall, dass sich gerade gelernte Kulturprotestanten, oder was davon übrig ist, als abgehängte Verinnerlichungsweltmeister auf die ein oder andere Weise so gern für den Islam ins Zeug legen oder diesen jammernd beneiden. Sie wären lieber Opfer, sie wären lieber Täter.

Der „kollektive Fanatismus“, die „brutale Positivität“, „die Übereinstimmung von Theorie und Praxis“, die phallozentrischen Sexual- und Allmachtsprojektionen des Islam überzeugen vor allem diejenigen, die sich in vielerlei Hinsicht zu kurz gekommen sehen. „Sie wollen endlich auf der Welt Karriere machen.“ (Horkheimer) Die erbarmungslos diesseitige Konstruktion der Jenseitsvorstellung, der damit verbundene rasende Höllenglaube, der gnadenlos als „Münze der Macht“ (Canetti) in Wert gesetzt wird, die ehrerbietige Besetzung der nächsten Objekte mit gespaltener Sakralität, der Reinlichkeitswahn versprechen dem Umma-Kollektiv und seinen sich von Berufs wegen befehdenden Anhängern unter beständiger Drohung und drohender Aussonderung ein moralisches Grenzprodukt, eine beständig dem Makel verdächtige Identität.
Die Unfähigkeit der Multi-Kulti-Nation in ihren rechts- wie links-kulturalistischen Kommandos halbwegs vernünftig auf den gegenwärtigen Mehrheitsislam in all seinem Judenhass, seiner Misogynie, der mörderischen Abwehr von Homosexualität und Lust sowie auf die allgemeine Israelfeindschaft zu reflektieren, entspringt dem faschistischen Gemeinschaftsbedürfnis nachbürgerlicher Subjektivität. „Sie trainiert: die Menschen, die sie ermutigt, sich zu ihrem Trieb zu bekennen, als nützliche Mitglieder des destruktiven Ganzen.“ (Adorno)

Postmoderne Völkerschau, spätkapitalistische Herrschafts- und Reklametechnik, islamsensible Lügen und jihadistisches Ehrenamt kommen prächtig miteinander aus. Sie sind Fleisch vom Fleische des gleichen Gefängnisses, in dem die Menschen sich die Durchhalteparole zurufen: Werde was du bist. Das Vermögen zu bergender Erinnerung durch erinnerndes Vergessen wird getilgt, die Möglichkeit zur Erfahrung abgeschnitten, das völkische Elend auf Dauer gestellt. Geschichte wird zur endlosen Gegenwart und keines der kulturindustriellen Bilder, die allesamt aufs Positive eingeschworen sind, vermag aufzublitzen „im Augenblick der Gefahr“ (Benjamin). Wahrheit, die es nicht ohne Geschichte und Geschichte, die es nicht ohne Wahrheit geben kann, die also beide im Islam nie vorgesehen waren, zerstiebt. Der konstruktive Jargon, der zur allgemeinen Kulturpflege aufruft, vergeht sich an Vergangenheit und Gegenwart. So kann der Ex-KBWler Baberowski von seinem Vater sagen, ohne rot zu werden: „Er war kein Mörder, er hat sein Leben lang SPD gewählt und hat sich als Opfer eines Krieges gesehen, den er nicht gewollt hat.“
Und auch die bessergewordene linksdeutsche Bagage, die die „Liste der Studiengangsaktiven“ wählt, wo mit dem Slogan geworben wird: „Lisa wehrt sich!“, ist in Verdrängung geübt. Unvergessen bleibt die schäbige Feindbestimmung der kooptierten Denkfabrik vom „AK Grenzen töten“ (2015). Nachdem in Mali und Syrien islamische Freischärler und die Banden islamischer und sonstwie autoritärer Regime ein Blutbad nach dem anderen angerichtet hatten, reichte es dort einzig zum antiimperialistischen Geraune, „dass es auch uns angeht, wenn beispielsweise in Syrien Bomben fallen oder Menschen in Mali aufgrund von landgrabbing zu Armut und Hunger verdammt werden.“

Der Unwille des Ausländerpädagogen Baberowski, irgendetwas außer die frostige Visage, die ihn jeden Morgen im Spiegel anblickt, für wahr halten zu können, lässt ihn immerhin auf Phänomene deuten, die die antirassistischen Kulturschützer in ihrer Islamophilie nicht mal zur Kenntnis nehmen wollen. Die Faschisierung der Gesellschaft in antagonistischer Kooperation, in der beide Seiten einander bloßstellen, kann auf einen Begriff gebracht werden. Die verfolgende Unschuld, die nichts wissen und nichts gewusst haben will, steht für das Nachleben des Nationalsozialismus in der Demokratie.

Für den Kommunismus! 

 

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