„[D]a sie gewohnt sind, sich darin zu bewegen, findet ihr Verstand nicht im geringsten Anstoß daran. Ein vollkommner Widerspruch hat durchaus nichts Geheimnisvolles für sie. In den dem innern Zusammenhang entfremdeten und, für sich isoliert genommen, abgeschmackten Erscheinungsformen fühlen sie sich ebenfalls so zu Haus wie ein Fisch im Wasser. Es gilt hier, was Hegel mit Bezug auf gewisse mathematische Formeln sagt, daß, was der gemeine Menschenverstand irrationell findet, das Rationelle, und sein Rationelles die Irrationalität selbst ist.“ (Marx)1

Antifaschistische Aktion heute

Wer den Blick für die eigene Ästhetik verloren hat und den Inhalt der Form zuliebe zurechtrückt, dem kommen mit dem Gegenstand der Kritik auch die Mittel dazu abhanden. Bewegungslinker Antifaschismus2 kann daher meist gar nicht anders, als sich als staatsalternative Bande – die trotz aller infantilen Rotzigkeit mit ihren Imagekampagnen längst den kulturellen Schulterschluss zur ‚postmodernen‘ Tüftlerbohème gefunden hat – an Phänomenen abzuarbeiten, die auch in der Mehrheitsgesellschaft längst ungern gesehen sind, hier wie dort geht es dabei um Identität, „die Urform von Ideologie“. (Adorno)34

Es passt daher ohne Weiteres ins Bild einer poststrukturalistisch deformierten Linken, dass wenn Rechtspopulisten von Staatsantifaschisten zu erfolgreichen Demagogen und ihre Wähler zur unmündigen Masse verklärt werden, ein Gefasel von ‚Diskursverschiebungen‘ nicht fern ist, damit der immergleiche Feind weiterhin in geübter Manier ‚adressiert‘ werden kann.

Nachdem etwa antinationale Antifaschisten in Bremerhaven das bundesweit ausgerufene „Aktionswochenende gegen Nationalismus“ genutzt hatten, um wenig überraschend den eigenen Denkunwillen zu bekunden, verlautbarten sie: „Die menschenverachtenden Äußerungen der AfD sind viel zu lange unkommentiert geblieben. Doch dagegen regt sich nun zum Glück immer mehr Widerstand“.3 Allein: selbst wenn es so wäre, was hier dummdreist behauptet wird und ganz offensichtlich nicht der Fall ist, blieben die linken Leuchtfeuer- und Steckbriefaktionen, die wohl eher gegen die reale Bedeutungslosigkeit der AfD Sturm laufen wollen, kaum mehr als das Fanal uneingestandener Überflüssigkeit. Hier wird nicht mehr als ein übliches stumpfes und in der Kampagnenhaftigkeit sich notwendig infantilisierendes Programm abgespult – als würden die AfD-Gestalten nicht schon seit ihrem Bestehen als Haudrauf der Nation herhalten. Wie die seit Jahren eingespielte Antifa-Denunziation ordinärer Dorfnazitrottel, den Einzelfall ausgenommen, erinnern solche ‚postmodernen‘ Spiele der Form nach nicht zufällig weniger an sinnvolle antifaschistische Aktion als an eine Art jugendfreier Variante der Dorfgemeinschaftshatz auf ‚Kinderschänder‘ oder Landwirte mit Massentierställen.

Bremer Heimeligkeit

In Wahrheit ist Bremen für Linke so heimelig, dass man sich als Bewegungsantifaschist zu ärgern scheint, wenn sich Neo-Nationalsozialisten nur selten öffentlich blicken lassen, eher unter sich bleiben und auch Pegida bisher nicht gesehen ward. Man mag sich gleichwohl gerade nicht mit Bremens durchdringender Bravheit jedenfalls im eigenen Viertel zufrieden geben, der schlechten hanseatischen Amalgamierung von Provinz und Stadt, geschweige dass diese Chance genutzt würde, sich einmal von der ahnungsvollen Empörung, die ideologische Subjekte zur Praxis drängt, zur Kritik des schlechten Ganzen anhalten zu lassen – also von der Erfahrung und nicht dem eigenen Mythos zum Grübeln anhalten zu lassen.35

Wollte man von der Empörung zur Kritik übergehen, stünde an deren Anfang die unausweichliche Erkenntnis, dass das, was 1848 wohl noch emphatisch als linkes Projekt gelten durfte, umso zerrütteter zu nennen ist, „je weniger Gesellschaft zur humanen wurde.“(Adorno)4 Ausgehend von dieser Einsicht gälte es nun doch ganz materialistisch, im Bewusstsein von Geschichte, die nicht stillsteht, sich der Erfahrung anzuvertrauen und den Versuch zu starten, Kategorien, von denen jeder ahnt oder schlimmer noch: weiß, dass sie bestenfalls nichts erklären und schlimmstenfalls jeder Vernunft zuwiderlaufen, einmal durch Begriffe zu ersetzen, die mit Grund und nicht in bloßer Meinung von sich behaupten könnten, ein klein wenig über sich selbst hinauszuweisen und im Anschmiegen an die Objekte zur bestimmten Negation der Verhältnisse beizutragen.

Das muss einer Linken freilich ganz und gar unmöglich sein, die allein durch das zwanghafte Festhalten an der Selbstbeschreibung ‚links‘ freiwillig zum Ausdruck bringt, dass einem Identität und Masse wichtiger sind als so etwas wie Wahrheit. Schon durch das Äußere wird in aller Regel kundgetan, das identitäre Ticket dem einzig richtigen Zweck, dem Verein freier Menschen überordnen zu wollen. Auch der antifaschistischen Funktionskleidung, ihrer ‚corporate identity‘ und dem zunehmenden Hang zur regelmäßigen Kampfsportpraxis, die politisch mit einer unverhohlenen Sehnsucht nach dem Ausnahmezustand gerechtfertigt wird und so als schlechter Selbstzweck noch den Moment der Selbstverteidigung glorifiziert, ist abzusehen, wie sehr es die penetrante Langeweile der eigenen Wohlfühlinsel und der immergleiche wertprozessierende Alltag sind, die zu direktdemokratischeren Formen bandengeselligen oder individuellen Wettrüstens drängen.5

Weil Bremer Linke in ihrem Tun selten über närrische Farce hinauskommen, ist es ehrlicherweise allerdings fast schon unangebracht, die hier allenthalben anzutreffende antistaatliche Verbalradikalität und den Möchtegern-Bandenritus als Rackettum zu bezeichnen, mithin mit den hiesigen kriminellen Gangcliquen, die ja zum Glück zumeist für Außenstehende mehr selbstkarikierendes Spottbild sind, oder mit der islam-familialen Zwangsvergemeinschaftung zu vergleichen, wo man nicht nur als Frau und als Schwuler unter der umfassenden sozialen Kontrolle und der phallozentrischen Geschlechterapartheid zu leiden hat.

Stattdessen scheinen Bremer Linke sich in ihrem einfältigen Beitrag zur Barbarisierung der Gesellschaft ein Vorbild an Bremens Schulhöfen zu nehmen, wo das Flegeltum zahlreicher frühadoleszenter Ehrenjungmänner*6 von kulturindustrieller Folklore ebenso körperlich alltagsinspiriert ist, wie es das Kreuzberg der 80er für Bremer Antifas zu sein scheint. Obwohl die Schulfhofkids restlos den neudeutschen Verhaltenskodex, die Schulhofscharia, internalisiert haben, dem allein die Ehre Autorität ist und der vorsagt, welche Verbalinjurien zwingend mit Schlägen zu ahnden sind, um das eigene Selbst wieder ins Recht zu setzen, weisen sie im Gegensatz zur verklemmten Bremer Linken allerdings mitunter immerhin ein interessantes Gespür für Selbstironie auf. Man könnte deswegen sagen: ernst nehmen ihr Tun in Bremen eigentlich nur kriminelle Clans, Rockerbanden und Politmobilisierte, denen sehr regelmäßig der scholleneigene Betrieb schon aus der Mode schaut.

Auch Linke, die einmal der kollektiven soziolektalen Selbstverdummung der Bremer Jugend gelauscht haben, schicken ihre Kinder mitunter wohlwissend nicht haustürnah nach Gröpelingen oder Huchting auf Schulen, wo das sozialpädagogisch umsorgte impertinente Phlegma und sein feindsemantischer Ehrengestus sich zusehends selbst verwalten. Die denkfeindlichen Zustände in Bremens Vororten wären schon mit dem Begriff der Halbbildung völlig falsch benannt, sodass auch der Versuch ihrer kulturindustriellen In-Wert-Setzung durch den „Revolutionären Aufbau Bremen“ in Ton und Bild vor allem an das Geplärr einer Krabbelgruppe mit multiplem Förderbedarf erinnert, der man versehentlich eine Knarre zum Spielen gegeben hat.35

Es wundert da kaum, dass die jüngere, auch auf Bremens Schulhöfen beliebte deutsche Populärkultur – wo jedes Genre für gewöhnlich immer ein wenig Anlauf braucht, um ganz zu sich selbst zu kommen – sich am besten über die Kommunikation von Ehre in verschiedenerlei Ausformungen vermarkten lässt. Nicht nur von Bande und ‚Bratan‘ ist dort die Rede; auch das, was Solidarität hätte heißen können, womit noch immerhin so etwas wie ein Grund zum Beistand vorausgesetzt würde, ist längst auf den parolenhaften Denkboykott „loyal bleiben!“ herabgesunken und damit ganz und gar auf den Hund gekommen.7

Es wissen zum Glück alle, die Bremen einmal bei Lichte betrachtet haben und sich einen hellen Moment zutrauen, dass der Ausnahmezustand erst einmal nicht kommen und sein Herbeiwünschen von den anvisierten Massen links liegen gelassen wird. Da allerdings niemand weiß, was Bremens Ummasozialisten den ganzen Tag so treiben und man ahnt, dass Bremens Sicherheitsbehörden in ihrem chronischen Dilettantismus das entweder auch nicht so recht oder damit jedenfalls nichts vernünftiges anzufangen wissen, bleibt diese Rechnung bislang eher dem Prinzip Hoffnung als einem wachen Blick anheimgestellt.

Auch Bremer Linke haben dieses wache Auge nicht. In sturer Ignoranz den Verhälnissen gegenüber nähert man sich der islamischen Gefahr mit vereinzelten Ausnahmen höchstens so zaghaft an, dass man immer die passende Relativierung geschwind genug zur Hand hat, um ja jeden klaren Gedanken vermeiden zu können. Bremer Antifas ist es vielmehr ganz unangenehm, dass Bremen, was Neo-Nationalsozialisten und rechte Fremdenfeinde anbelangt, auf den hinteren Plätzen liegt. Während der Ummasozialismus wie ein Kulturschutzreservat gehegt und gepflegt wird, wie es auch die deutschen Verfassungsschützer mit dem NSU getan haben, ist in Bremen vor allem eines entscheidend: Hauptsache nazifrei. Dabei zeigt sich ein Phänomen, das sich auch bei deutschen Behörden findet: Ist der Zweck, der einem die organisierte bzw. institutionalisierte Existenz rechtfertigt, im Verschwinden begriffen, wird sich dieser Zweck zurechtgelogen. Was für den Verfassungsschutz sehr zu bedauern ist, dass der als ‚religiöser Fundamentalismus‘ versachlichte ‚Islamismus‘ dieser ganz und gar verdorbenen, durch und durch deutschen Institution neues Leben einhaucht, wäre für Bremens Linke schon das Bessere: den Ummasozialismus als zu bekämpfenden Feind zu visieren. Es wird spannend zu beobachten sein, ob das linke Konglomerat aus Öko-Alternativen und Antifa-Entrepreneurs wenigstens diesen Schritt in der nächsten Zeit schaffen wird und so der phrasenhaften Israelsolidarität, die hier durchaus anzutreffen ist, zumindest den Anschein beigesellt, es damit ernst zu meinen. In meinungspluralistischen Publikationsorganen wie der Jungle World wurde ja bereits immer wieder vorgemacht, wie man auch parolenhaft gegen den islamfaschistischen Feind zu Felde ziehen kann, ohne sonst auch nur irgendetwas vom linken Bewegungshabitus, beispielsweise dem eigenen irrationalen antirassistischen oder antisexistischen Bedürfnis, in Frage stellen zu müssen.

Zonale Hetzmeute

Bislang gelten Bremer Linken allen Ernstes die AfD und Pegida als Hauptproblem, dabei ist die AfD selbst in der zonalen Tristesse Bremen Nords oder Bremerhavens, wo der Staat längst im Rückzug begriffen ist, ein marginales, jedenfalls vernachlässigbares Randphänomen. Die linksantifaschistische Rede von geistigen Brandstiftern, gegen die sich zu wenden dem gängigen antifaschistischen Unternehmergeist keine Infantilität zu blöd ist,8 verrät viel davon, wie hier der Gegenstand der Kritik schon lange abhanden gekommen ist. Wo einem alles irgendwie Alltagsrassismus ist, man sich also gar nicht mehr zutraut, die Verhältnisse einem genaueren negativen Blick zu unterziehen, da fällt gar nicht weiter auf, wie zweckfern solche ideologischen Einlagen sind, und wie sehr sie sogar den eigenen Annahmen widersprechen.

Brandanschläge und fremdenfeindliche Übergriffe sind ja eben nicht spontane Anwandlung verleiteter, ansonsten braver Volksdeutscher, wie es sich die parteipolitischen Marktsubjekte in ihrer Angst, in der Wählergunst abzuschmieren, mitunter zurechtfantasieren, und deshalb in noch so in sich widersinnigen Asylrechtsverschärfungen ergehen. Sie sind Ausdruck eines verfestigten rechtsradikalen Milieus, das zwar schon spätestens seit Ende der 1990er Jahre im Niedergang begriffen ist, aber noch viel davon erzählt, wie unbehelligt man sich dort auch als bekennender Sympathisant jahrzehntelang bewegen konnte. Hier wird seit Jahr und Tag munter im hermetischen Netzwerk das volksdeutsche Ressentiment nicht nur im pogromaffinen Kommandoton herbeigewettert, wie es der lethargische, unmobilisierte Stammtischdeutsche tut, der sich selbst ganz und gar unerwünscht ist. Es ist vor allem auch die gewaltaffine Hitze desjenigen, der von der ureigen verkorksten Selbstregentschaft psychodynamisch ganz und gar verwahrlost ist und in Mimik, Gestik und Gesichtstönung, mit der die geifernde Hetzrede herausgezetert wird, nicht erst unter Alkoholeinfluss seine potenzielle Bereitschaft signalisiert, den Hass aufs Fremde im Zweifel auch tatkräftig auszuagieren.
„Die Macht sendet Befehle aus wie eine Wolke von magischen Pfeilen. die Opfer, die davon getroffen werden, bringen sich selber dem Mächtigen dar, von den Pfeilen gerufen, berührt und geführt.“(Canetti)9

Dies geschah in den 90ern in großer Anzahl, als man fremdenfeindlicher Akklamation gewiss sein konnte und der Hetzmeute allseits nahegelegt wurde, hier würde Volkes Wille zur Tat gebracht. Doch von solchen auch damals zumeist ostzonalen Zuständen kann in Zeiten des Staatsantifaschismus, wo nunmehr die Antifaarbeit der 90er von den Öffentlich-Rechtlichen erledigt wird, keine Rede mehr sein. Hier ist es eher so, dass die sich auf wenige ehrbare Brandstifter zusammengeschrumpft sehende rechtsradikale Minimeute ihre Felle davonschwimmen sieht und erst diese „Furcht vor Zerfall, die immer in ihr rege ist, macht es möglich, sie auf irgendwelche Ziele zu lenken.“(Canetti)10 Selbst die notorischsten ostzonalen Fremdenfeinde sind wohl schwerlich ernsthaft davon überzeugt, für mehr als die jeweilige Dorf- bzw. Kleinstadtgemeinschaft brandstiftend hasardieren zu gehen, was die omnipräsente Rede vom Nationalismus total fehlgehen lässt. Schon dem Dorfgemeinschaftshabitus der Neonationalsozialisten und ihrem eigentümlichen modischen Atavismus, der schon immer aus der Zeit gefallen war, lässt sich absehen, wie sehr es sich bei ihrer nationalen Mystik um eine ‚blutsurenge‘ Kaff-Ideologie handelt, deren ungeglaubter ‚ethnopluraler‘ Universalismus immer die allmachtsfantastische Lüge der eigenen, zu eng geratenen Subjektdeformation und ihres spinnefeindschaftlichen Geheges ist. Da die Radikalisierungspotenz des Islam als postmodernes Pluralismusprojekt hier viel besser auf die Zeit gemünzt ist, kann es kaum wundernehmen, dass sich diesem nicht nur allochthone, sondern zusehends auch autochthone Deutsche anheimgeben.

Zuckerbrot oder Peitsche: das Tauziehen zum besseren Deutschen

Ob als autosuggestives Prinzip, fremdenfeindliches Reinheitsgebot oder real-politische Krisenminimierung: Deutsche setzen zuallererst auf die Direktive Abschieben, um nicht vom Islam reden zu müssen, was sich auch unter Linken als kritik- und denkfeindliche psychodynamische Abspaltung zeigt. Als wäre es die machtlose AfD, die Asylrechtsverschärfungen durchsetzen und dem Morden islamischer Banden tatenlos zusehen würde, führen antinationale Linke gegen ihren Lieblingsfeind, den bürgerlichen Rassistenspießer, regelmäßig phrasenhafte Fossilkategorien zur eigenen Lustbefriedigung ins Feld. Doch es ist eben nicht die allseits bekämpfte AfD, die Asylrechtsverschärfungen durchsetzt – was die Antinationalen an anderer Stelle auch wissen und ihr beflissenes Tun vollends als Ticket entlarvt –, es sind die Mehrheitsparteien aus mobsensibler Angst vor zonal deformierten Stimmdeutschen und dem politmerkantil notwendigen Unwillen zum vernünftigen Gedanken. Es müsste deswegen darum gehen, dass diejenigen, die aktuell verloren sind, ohne Rücksicht auf Stimmverluste rechts liegengelassen werden. Statt ein Antifa-Gejammer über AfD-Wahlerfolge in Randbezirken anzustimmen, die erst einmal nur die dortige parlamentarische Arbeit noch nervtötender machen, wäre also zuallererst staatliche Souveränität gegen die realiter zum Glück mickrige ‚Umkehrungsmasse‘ (Canetti) des zündelnden und übergriffigen deutschen Volksmobs zu behaupten, anstatt sich dem Haufen Elend AfD in vorauseilendem Gehorsam ‚diskursiv‘, also in einem politsimulativen Spiegelspiel selbstverblödend anzudienen, ob nun mit Zuckerbrot oder mit Peitsche. Es gilt also, das nationale Tauziehen zum besseren Deutschen zwischen AfD, Bewegungslinken und Mehrheitsgesellschaft – die sich in ihrer Schollenmentalität und ihrem Islamneid allesamt weniger unterscheiden, als sie sich eingestehen – nicht weiter als medialen Endkampf der Berliner Republik zu inszenieren, woran notorisch gekränkte Verschwörungsideologen nur wachsen können und womit von Abschiebung Betroffenen nun wirklich nicht geholfen ist.

Um letztlich auch gegen die deutsche Stammtischzone des AfD-Wählermilieus vorzugehen, wo die postbürgerliche Neigung, den narzisstischen Wahn als Meinung zu sakralisieren, sich offenkundig in einem sehr fortgeschrittenen Stadium befindet, wäre doch einzig unmissverständlich auf Aufklärung, einen klaren Gedanken im besten und das heißt zugespitzten Sinne zu dringen – also einen, der die fragmentierten gesellschaftlichen Zudringlichkeiten als Momente des falschen Ganzen bloßlegt. Das Treten und Beißen von Zonis und westdeutschen Gefühlszonis, das einer je unterschiedlichen idiosynkratischen Schollenindignation um verunsicherte Pfründe entspringt, wäre als deutsches Krisenlösungsmoment bloßzulegen, das unter anderem auf die Zumutungen des nach dem islamischen Modell der familialen Zwangsvergemeinschaftung geformten Berliner Sozialstaats mit dem Ruf nach autoritärem Volksstaat reagiert.11 Die fremdenfeindliche wie kulturrelativistische Islamophilie wäre deswegen als Islamneid, als Sehnsucht nach dem potenten Kollektiv angesichts allseitig wertvergesellschafteter Unbehaglichkeiten zu denunzieren.36

Doch nicht nur dort, wo Linke Antinazismus betreiben, bringen sie Mittel und Zweck durcheinander. Wenn es von Seiten der antinationalen Aktionisten zu aktueller Staatspolitik heißt: „Die aktuelle Situation ist keine ‚Flüchtlingskrise’, sondern eine Krise der Abschottung und gesellschaftlichen Reichtumsverteilung.“12 ist demgegenüber vielmehr auf die sich aktuell vollziehende Erosion staatlicher Souveränität zu verweisen, die sich im Westen als allgemeine staatliche Konzeptlosigkeit darstellt.

Ganz im Gegensatz zur Rede von Eurozentrismus, westlichem Imperialismus und anderen Dämlichkeiten wäre darauf zu bestehen, dass auch das, was der Mehrheitsöffentlichkeit als ‚Flüchtlingskrise‘ gilt, nicht so stumpf, wie es bei den Antinationalen geschieht, mit Weltmarktperipherie, sondern zuallererst mit der brutalen Auflösung, dem Verfall und dem Scheitern von bürgerlicher Staatlichkeit zu erklären ist, die die schlechte, aber demgegenüber bessere ratio des Tauschmarktes und seines gelogenen Aufstiegsversprechens erst erzwingen könnte. „Objektiv richtige und falsche Bedürfnisse ließen recht wohl sich unterscheiden, so wenig daraus auch irgendwo in der Welt ein Recht auf bürokratische Reglementierung abgeleitet werden dürfte. […] Wichtiger dafür aber als selbst das fast undurchdringliche quid pro quo von Bedürfnis, Befriedigung und Profit- oder Machtinteresse ist die unentwegt fortdauernde Bedrohung des einen Bedürfnisses, von dem alle anderen erst abhängen, des Interesses am einfachen Überleben.“ (Adorno)13 In Afrika und Syrien ist dies ganz offenkundig, doch auch die schon seit Jahren tödliche europäische Migrationspolitik wäre nicht nur proaktives Abschotten zu nennen, denn vor allem als unempathische Konzeptlosigkeit EU-institutioneller Verantwortlichkeitsrochaden kenntlich zu machen.

Dem antistaatlichen Furor vieler Linker genau entgegengesetzt ist deswegen auf erheblichen staatlichen Mehraufwand zu dringen – gemeint ist der Staat kapitaler Vergesellschaftung westlichen Zuschnitts und seine bürgerlichen Reminiszenzen –, um den mörderischen Verhältnissen vor Ort und den elenden Zuständen, die Flüchtlingsrouten zur tödlichen Falle werden lassen, zu begegnen, und rational über konkrete Integrationsprogramme nachzudenken. Doch selbst ganz pragmatische Fragen städtischer Sozialpolitik – deren Probleme von Flüchtlingshilfeorganisationen in Bremen auch durchaus schon lange wohltuend unideologisch benannt werden – können hier von manchen Linken erwartbar nicht diskutiert werden, ohne dass dabei gewohnheitsmäßig von sinistren Machenschaften „neoliberale[r] Interessen“ und „Immobilienspekulationen“ geschwatzt würde – hier wird die teils sehr schlechte Unterbringung von Flüchtlingen ganz offen zur ‚Endlösung‘ der Wohnraumfrage stilisiert, der man es abhört, wie mal wieder nur die eigene Empörung darüber vorherrscht, dass unmanierliche Wohlhabende, die wahrscheinlich kaum mehr besitzen als manch eigenes Elternteil, die Frechheit besitzen, für sich ebenfalls einen Platz in der fürs linke Lagerfeuerprojekt reklamierten Scholle in Anspruch zu nehmen. Das Tremolo linker Aktivisten aus der Volkskonserve zeigt sich folgerichtig einem näheren Blick auf Bremische Wohnraumpolitik vollkommen abhold, man ist stattdessen nur zur Parole fähig: Hauptsache beschlagnahmen, ob es nun Abhilfe für reales Leid schafft oder nicht ist da egal.14

Deutsche Amtsstubenindolenz und die Dialektik des Plenums: der Staatsantifaschismus

Obwohl also das mehrheitsgesellschaftliche juste milieu die eigene Blasiertheit mit großer Inbrunst am mittlerweile zum Gemeinschaftsfremden erklärten Neonazi und anderen schädlichen Elementen kryptoreflektiert, geht im Lichte des Begriffs staatlicher Konzeptlosigkeit auch auf, weshalb der postnazistische Staat in Zeiten von Staatsantifaschismus und kulturkonservierender antirassistischer Ideologie gleichwohl schwerfällig gegen rechtsradikale Strukturen vorgeht.

Das staatliche Missmanagement gegen Rechts liegt nicht einfach, aber auch an den fremdenfeindlichen Volksdeutschen, die es sich mitunter in ihrem Amtssessel regional je spezifisch bequem gemacht haben. Die ganze behördliche Struktur hat es nicht nur an sich, dass auch bei Regierungswechseln und leitideologischen Kalibrierungen Personalaustausch lediglich auf höheren Ebenen vollzogen wird. Vielmehr hat sie es überhaupt für sich, dass der Eifer dort zu irgendwas, das den irrationalen Verhältnissen mit der rechtsstaatlich gerahmten Autorität auch nur ein wenig eigeninitiativ Vernunft entgegensetzt, in der immergleichen Tristesse des öden Aktenzeichens erstirbt oder, wenn denn ein Vorgesetzter zur Handlung anmahnt, typischerweise zu nichts mehr als blindem Eifer führt. Dass nicht nur die zahlreichen autoritären Charaktere in deutschen Amtsstuben im Zweifel eher dem immergleichen Trott fröhnen und die Spekulation darauf beschränken, was sie ohnehin schon immer gewusst glaubten, verweist zum einen auf das beamtendeutsche Konstrukt des Treueeids und zum anderen auf die sich notwendig einstellende Behäbigkeit chronisch unterfinanzierter und unterbesetzter alltagsdeutscher Amtsstubenindolenz.

„Sind in England oder Frankreich [eher wäre hier wohl an die USA zu denken, AZ] die Charaktermasken, die die Warenbesitzer einander zukehren, durch die speziellen Warengestalten geprägt, die der Wert im Verlauf seiner Verwertung annimmt, definiert sich der Bürger also vornehmlich als Kapitaleigner oder Ware Arbeitskraft, so entsteht das bürgerliche Subjekt in Deutschland von vorneherein als Charaktermaske der Allgemeinheit der Wertabstraktion, deren Ausdruck ja die moderne staatliche Souveränität ist.“ (Krug)15

Während es in anderen Ländern, wo die kapitale Vermittlung Einzug gehalten hat, ohne dass der Drang zur Vernichtung alles Abstrakten den ganzen Volkskörper beseelte, auch im Staatswesen so etwas gibt wie einen Leistungsethos, der immerhin noch dem Zweck zuarbeitet, der einmal angedacht war, und diesen Zweck mitunter mit der Vornehmheit des Verfassungstelos verfolgt, dem es an Freiheit gelegen ist, wird demgegenüber zwar auch in deutschen Behörden durchaus mit Verstand und mehr noch mit Akribie gearbeitet, wenn der Dienst nach Vorschrift das vorsieht, doch dass einmal jemand die Vernunft gebrauchte, ohne dass dies von oben angeordnet würde, bleibt der Tendenz nach Einzelfall.

Es geschieht hier allerdings nichts, was sich nicht auch regelmäßig im Kreise bürgerlicher Familienenge, im öffentlichen Nebeneinander nachbürgerlicher Subjektmonaden mit all ihren Neidprojektionen und besonders auch in linken Politgruppen abspielt: Hier wie dort geht es ganz allgemein zu wie in einem Irrenhaus. Jeder plärrt, haut und sticht und macht noch dann, wenn wenigstens der anvisierte Zweck so falsch nicht ist, in aller Regel das vollkommen verkehrte, um ihn zu erreichen.

„Was von je an der bürgerlichen Gesellschaft gegenüber der ratio des freien und gerechten Tauschs, und zwar infolge von seinen eigenen Implikationen, irrational: unfrei und ungerecht war, hat derart sich gesteigert, daß ihr Modell zerbröckelt. Eben das wird dann von dem Zustand, dessen Integration zum Deckbild von Desintegration sich wandelte, als Aktivposten verbucht. Das Systemfremde enthüllt sich als Konstituens des Systems, bis in die politische Tendenz hinein. […] Solche Rückbildung des liberalen Kapitalismus hat ihr Korrelat an der Rückbildung des Bewußtseins, einer Regression der Menschen hinter die objektive Möglichkeit, die ihnen heute offen wäre. Die Menschen büßen die Eigenschaften ein, die sie nicht mehr brauchen und die sie nur behindern; der Kern von Individuation beginnt zu zerfallen. […] Subjektive Regression begünstigt wiederum die Rückbildung des Systems. […] [D]as Bewußtsein der Massen [hat] dem System dadurch sich gleichgemacht, daß es zunehmend jener Rationalität des festen, identischen Ichs sich entäußerte, die noch im Begriff einer funktionalen Gesellschaft impliziert war.“ (Adorno)16

Das kontemporäre Staatswesen in Deutschland, das sich zuallererst durch allgemeine Konzeptlosigkeit und den ganz allgemeinen Hang zu Arrangement und Verordnung unsinniger Fortbildungen auszeichnet, ist in Teilen schon eher ein Unwesen – was aber gerade nicht in den neidvollen Verdächtigungen deutscher ‚Eigentumsbestien‘ und dem von ihnen fetischisierten Arbeitsethos aufgeht, der gegen die ‚faule‘ Beamtenschaft in Stellung gebracht wird. Es sind hier vor allem Apathie und Denkfaulheit vorherrschend, im Zweifel wird der amtstreuen Behäbigkeit und der ureigenen Idiotie, dem meinungspluralen in mal mehr, mal weniger kollektivierte Formen gegossenen Privatwahn Vorrang vor der Vernunft eingeräumt. Die Dialektik des zerfallenden Staates ist ohne die Dialektik der sich selbstverschuldet in Unmündigkeit haltenden Gesellschaft nicht zu denken.

Niemand kann da ernsthaft überrascht von dem widersprüchlichen Gerangel sein, das Bremer Behörden um die Durchsuchung des hiesigen „Islamischen Kulturzentrums“ (IKZ) veranstaltet haben. Die allgemeine Tendenz zur Verkehrung von Mittel und Zweck ist hier immer wieder dann besonders schön zu beobachten, wenn die zahlreichen konkurrierenden Ämter in etwa so wie linke Bündnisgruppen gar nicht anders können, als den Konkurrenz-Ministerien und föderalen Pendants höchstes Misstrauen entgegenzubringen: wissen sie doch am besten, in welchem Ausmaß hüben wie drüben bloß selbstbezüglich vor sich hingewurschtelt wird.17 Das gegenseitige Misstrauen der massenhaft Vereinzelten, ihre ungeglaubten Bewältigungsprogramme für die spinnefeindliche Umwelt, um deren Scheitern man eigentlich weiß, sind dabei immer ein Stück technizistischen Rückfalls in überwunden gewähnte Natur. Die wertprozessierende Quantifizierung des qualitativ Unterschiedlichen, die unverständlich zudringliche Synthesis der Gesellschaft als unverstandene Automatik, die die Subjekte und mit ihnen alles Besondere einpresst auf eine positivistische Folie, für die notwendig niemand verantwortlich zeichnen kann, verklammert dabei Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse zu einer spezifischen Vorhölle aus Sozialneid, Abstiegsanst und Hass, was sich am antisemitischen Wahn oder bizarrer Esoterik, dem Treten nach dem nächst Unteren oder dem abnormen Alltagstick zeigt. Unverkennbar ist es die zweite Natur kapitaler Wertvergesellschaftung, die hier die Urgeschichte zitiert, und den Menschen selbst dann noch erste bleibt, wenn sie den Bann als Bann durchschauen.18

Es ist letztlich vielleicht sogar ein wenig bedauerlich, dass Linke im Jungel des gesamtgesellschaftlichen Irrsinns ihre ganz eigene alternative Staatlichkeit vor sich hin projektieren und im Antifa-Startup oder in zivilgesellschaftlichen Vorfeldorganisationen, die identitäre oder geldwerte Allimente versprechen, Nazis das Leben schwer machen wollen, anstatt ihre Profession für phrasenhafte Workshops und zweckferne Akribie gleich beamtendeutsch auszuleben. Allein: Staat ist Verrat, von der Verfasstheit der eigenen in Wert gesetzten dröge-unnötigen Recherchearbeit als ein Public-private-Partnership, das sich der öffentlichen Arena als Problemlöserin andient, will man nichts wissen. In der zwanghaften Abwehr alles Staatlichen ist die Ahnung davon abgespalten, wie sehr auch das meinungspluralistische allwöchentliche Plenum regelmäßig nur dann nicht an den eigenen Volltrotteln scheitert, wenn sich irgendjemand doch noch zur Autorität aufwirft. Es scheint dies ein Neid auf die strukturelle Rationalität behördendeutscher Dienstbesprechungen zu sein, hinter deren schlechte Zweckakribie man links regelmäßig zurückfällt: allen ist unzugegebenerweise beständig bange darum, dass schon der nächste, in aller Regel befindlichkeitsschwangere Wortbeitrag die Diskussion um in dieser Welt wertvolle Zeitäquivalente umfassend zurückzuwerfen könnte. Diese ganz eigene Dialektik linker Plena, mit der auch überhaupt kein Staat zu machen wäre, verwaltet zum Glück schon aufgrund der meinungspluralen Form und der pseudo-aktiven Selbstbezüglichkeit nach in erster Linie bloß die eigene Trostlosigkeit.

Bockige Kleinkinder

In die hanseatische Liga der institutionell Schwachsinnigen wäre freilich noch die unfähige Bremer Polizei aufzunehmen, die ja ebenso Teil des hiesigen grenzdebilen Volksstamms ist, und nach dem Hogesa-Zirkus die nicht allzu unwahrscheinlichen Lebenszeichen angejahrter Nazihools beim Nordderby 2015 ganz und gar erwartbar verpennt hat, statt die Prügelbanden, die man sich selbst hält, einmal sinnvoll einzusetzen. Ganz besonders anheischig für einen der ersten Plätze hat sich auch die Bremer Justiz gemacht, die sich wohl als Racheaktion für die ebenso widerwärtige wie strunzdumme linke Attacke auf ein Bremer Polizeiauto37 die Infamie ausgedacht hat, den ‚Antifaschisten‘ Valentin in einen bundesweit bekannten Neonaziknast zu stecken – was man mit Umma- und Neonationalsozialisten ja durchaus einmal als behördeninterne Panne inszenieren könnte.

Es wäre angesichts dessen ganz offensichtlich falsch, deutschen Beamten den ureigenen Eifer abzusprechen. Ganz im Gegenteil wird man in deutschen Amtsstuben in trauter Regelmäßigkeit ganz besonders hingebungsvoll geschäftig, wenn ein durch die Behördenstruktur in seiner ganzen Art begünstigter autoritärer Charakter etwas findet, woran er sich projektiv abarbeiten kann.

Es ist nicht ganz klar, ob der Bremer Staatsanwalt, der sich beim Prozess gegen zunächst drei, jetzt noch zwei selbsternannte Antifaschisten vor versammelter Mannschaft zum Deppen macht, aus ideologischer Borniertheit, blindwütigem Karrierismus oder auf Weisung der Stadtoberen standhaft weigert seinen Verstand geschweige denn das bisschen Vernunft einzuschalten, das vielleicht auch einem autoritären Charakter bisweilen noch unterstellt werden darf. Wohl in einer Mischung aus geballter Unfähigkeit und ideologischer Rechthaberei ist er unbeirrbar nicht willens, zwischen gewaltaffinen Linksfaschisten, die ihr Bandentum in erster Linie als Jugendsünde zelebrieren – trotz offenem Antisemitismus gelten sie dabei manch anderem Antifa immer noch als Genossen –, und ganz und gar ekelerregenden, wenn auch in die Jahre gekommenen Nazi-Hools, die schon längst einmal für was auch immer eingebuchtet gehört hätten, zu unterscheiden. Anstatt die Waffen des Rechtsstaats, die längst hinreichend ausdifferenziert sind, jeweils wohldosiert in Anwendung bringen zu wollen, befleißigt er sich mutmaßungsgesteuert des krampfhaften Nachweises, noch die unpolitischste Ehrenschlägerei zwischen charakterprovinziellen Dorfdeppen – recht typisch für Bremen – zum Skandal zu stilisieren. Diese unverfrorene Beharrlichkeit, mit der hier Mittel und Zweck des Rechtsstaates verkehrt werden, weil der Staatsanwalt als Beweise nur Indizien und seine depravierte Autosuggestion hat, zeugen bei ihm wohl in erster Linie vom eigenen Unbehagen mit sich selbst und einem unindividuierten Charakter, der auch in seiner Staatskarriere noch immer auf die ödipale Situation wartet, in der ihm selbst einmal kräftig die Leviten gelesen werden.19

Es könnte doch einzig heißen, die einen Volksfreunde unter demobilisierenden Auflagen am besten gehen zu lassen – die Sinnlosigkeit von manch einer Gefängnisstrafe, die das Elend oft nur noch schlimmer macht und schon immer trefflich zur Heroisierung taugte, wird hier mal wieder nur allzu ersichtlich –, nicht zuletzt um sich fortan in aller gebotenen Gründlichkeit den paar Dutzend in Bremen noch verbliebenen Neo-Nationalsozialisten und ihren zahlreichen arabischen Brüdern im Geiste, den Ummasozialisten widmen zu können. Stattdessen aber liefern sich Staatsanwalt und weitere staatlicherseits Beteiligte ein projektives Spiegelspiel wechselseitigen Strafbedürfnisses mit den Angeklagten, das nicht nur auf Seiten der naseweisen Jungrevolutionäre von einer unterbewussten Straf- und Aufmerksamkeitsbedürftigkeit aufgrund einer fehlenden anerkennenden Vaterinstanz getragen zu sein scheint. Auch das Ermittlungs- und Prozessverhalten von Polizei und Staatsanwaltschaft, wo die Anklagepunkte teilweise so löchrig sind wie die Hirne der geladenen Zeugen, zeugt von dem unterbewussten Bedürfnis, endlich von einer höheren Instanz im unbelehrbaren Eifer gestoppt zu werden. Es ist daher kein Zufall, dass die Gerichtsverhandlung des Valentinprozesses, die ganz allgemein Einblick in die geistigen Zustände regregierter Hanseaten gewährt, nicht zuletzt durch die albernen militanzmodischen Zurichtungen auf den Zuschauerbänken an das Zusammenscharen eines rückständigen Volksstammes um den Dorfschamanen erinnert, der ihr einen Dämonen austreiben und dafür zum Opfer greifen soll.

Ankläger wie Angeklagte gebärden sich dabei wenig überraschend als bockige Kleinkinder: Die einen sind so zu nennen, weil sie allen sturen Ehrgeiz darauf verwenden, Heranwachsende, die sie für Kommunisten halten und die in Wahrheit Konterrevolutionäre sind, unbedingt hinter Gitter zu bringen, um Bremens Straßen von linken Rüpeln reinzuhalten; die anderen, weil sie vom Verein freier Menschen selbsterklärtermaßen nichts wissen wollen und lieber so verbissen wie lächerlich die Abstraktheit der Tauschbeziehungen personalisiert bekämpfen. Ohne sich für offen säuberungsaffine Widerlichkeiten zu schade zu sein – Tags mit der Parole „Vergewaltiger boxen“ sind dabei wohl die neueste Widerlichkeit – , soll bei ihnen durch den Ehrengestus des ‚Bruders‘ und die Instanz der Vorstadtbande gesellschaftliche Vermittlung, also das, was bislang immerhin Voraussetzung für das bisschen Freiheit ist, das mancherorts existiert, negativ aufgehoben werden. So zeigen sich beide Seiten, Anklage wie Angeklagte, vereint im Antikommunismus und damit ganz auf Linie mit allen anderen Standortvertretern und ihren jeweiligen Problemen zur Herausbildung einer kritikfähigen Persönlichkeit.

Revolutionäre Kritik

Wo sich folglich Mittel und Zweck besonders ostentativ verkehren, wird Politik betrieben und sind linke Antifaschisten ganz vorne mit dabei. Doch auch die für jeden spürbare Floskelhaftigkeit von Parteipolitikern ist selbst in den besten Fällen nichts weiter ist als der Versuch, zu begründen, was sich nicht begründen lässt: „Stets noch sind die Menschen, was sie nach der Marxischen Analyse um die Mitte des 19. Jahrhunderts waren: Anhängsel an die Maschinerie, nicht mehr bloß buchstäblich die Arbeiter, welche nach der Beschaffenheit der Maschinen sich einzurichten haben, die sie bedienen, sondern weiter darüber hinaus metaphorisch, bis in ihre intimsten Regungen hinein genötigt, dem Gesellschaftsmechanismus als Rollenträger sich einzuordnen und ohne Reservat nach ihm sich zu modeln.“ (Adorno)20

Demgegenüber ist auch der im Gegensatz zur liberalen Utopielosigkeit nicht affirmative, sondern linksempörte Umgang mit den Idiosynkrasien, von denen man sich allzu gerne nervös machen lässt, gefangen in der allgemeinen selbstverdummenden Ohnmacht. Selten nur noch, wenn überhaupt, evoziert das Auseinanderklaffen des hehren linken Anspruchs mit der Wirklichkeit, also das Beharren auf Normen, die man selbst unterminiert, die vereinzelte Hoffnung, Polemik könnte die ein oder andere zwar linke, doch wenigstens zu sich selbst noch ehrliche Haut doch einmal zur Kritik anhalten. Ganz eben in dem Wissen, dass die polemische Intervention auch nur eine Notlösung ist, ein kläglicher Versuch, „dem Weltlauf [zu] widerstehen, der den Menschen immerzu die Pistole auf die Brust setzt.“(Adorno)21

So sehr Bewegungslinke sich auch über parteipolitische ‚Verräter‘ erheben, die immerhin noch ganz offen ihr Marktgeschrei als in Wert gesetztes Buhlen um die Massen dartun, bleibt auch bewegungslinkes Gerödel fernab von Parteipolitik nichts weiter als eine vernunftferne Balz um die Frage, wer den irrationalen Verhältnissen noch eine linke Idiotie draufpackt.

Dabei könnten die, die sich noch links nennen, es besser wissen, denn „[d]er Satz von Marx, dass auch die Theorie zur realen Gewalt wird, sobald sie die Massen ergreift, wurde eklatant vom Weltlauf auf den Kopf gestellt.“ (Adorno)22 Die ideologischen Vorstellungen, die sich die Revolutionäre, die keine Kritiker sein wollen, von der Welt machen, war schon von Marx misstrauisch beäugt worden: „[W]enn sie eben damit beschäftigt scheinen, sich und die Dinge umzuwälzen, noch nicht Dagewesenes zu schaffen, gerade in solchen Epochen revolutionärer Krise beschwören sie ängstlich die Geister der Vergangenheit zu ihrem Dienste herauf, entlehnen ihnen Namen, Schlachtparole, Kostüm, um in dieser altehrwürdigen Verkleidung und mit dieser erborgten Sprache die neue Weltgeschichtsszene aufzuführen.“23

Dass es Kritik angesichts dieses zur Ohnmacht bannenden Weltlaufs um Veränderung nicht ginge, ist indessen allein Lüge derjenigen, die mit der Welt nur das machen wollen, was sie ihr vorwerfen. Kritik hieße im Stande der Unfreiheit immer auch „Widerstand gegen blinde Anpassung, Freiheit zu rational gewählten Zielen, Ekel vor der Welt als Schwindel und Vorstellung, Eingedenken der Möglichkeit von Veränderung.“ (Adorno)24 Doch das genuin linke Bekenntnis des „Revolutionären Aufbaus Bremen“ (RAB) zur Diktatur des Proletariats als noch eine der harmloseren vermeintlich kommunistischen Widerlichkeiten plaudert – auch wenn es hier in einen ganz offensichtlich linksfaschistischen Inhalt und seine entsprechende Form gegossen ist – stellvertretend für die Bremer Szene aus, wie das linke Ticket allerorten zu sich selbst kommen muss.

„Die falsche Identität zwischen der Einrichtung der Welt und ihren Bewohnern durch die totale Expansion der Technik läuft auf die Bestätigung der Produktionsverhältnisse hinaus, nach deren Nutznießern man mittlerweile fast ebenso vergeblich forscht, wie die Proletarier unsichtbar geworden sind. Die Verselbständigung des Systems gegenüber allen, auch den Verfügenden, hat einen Grenzwert erreicht. Sie ist zu jener Fatalität geworden, die in der allgegenwärtigen, nach Freuds Wort, frei flutenden Angst ihren Ausdruck findet; frei flutend, weil sie an keine Lebendigen, an Personen nicht und nicht an Klassen, länger sich zu heften vermag. Verselbständigt aber haben sich am Ende doch nur die unter den Produktionsverhältnissen vergrabenen Beziehungen zwischen Menschen. Deshalb bleibt die übermächtige Ordnung der Dinge zugleich ihre eigene Ideologie, virtuell ohnmächtig.“ (Adorno)25

So sehr Linke das eigene Mittun, das eigene Gefangensein im schlechten Weltlauf auf Staat, Nation und Kapital in der gewohnten Weise abspalten, was in ihrer Hilflosigkeit stets an Urmenschen erinnert, die einen Regentanz aufführen, so sehr können sie nicht behaupten, kein integraler Teil des schlechten Ganzen zu sein. Ein unumgänglicher Anfang zum Besseren wäre da zunächst die Überwindung der Angst vor dem klaren Gedanken, der Negation des eigenen falschen Bewusstseins der falschen Welt, was ohne Kritik, die „weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen“ lässt (Adorno)26, nicht zu haben ist.
Es wundert überhaupt nicht, dass eine vernünftige Abgrenzung der restlichen linken Szene von linksfaschistischen Elendsgestalten wie dem RAB in Bremen nicht möglich ist. Muss man die Reihen nicht geschlossen halten? Ist man nicht doch irgendwie Bruder im Geiste?

Nachbürgerlicher Wahn braucht kein Antisemitismus sein, um sich in einem Bündnis mit ihm wiederzufinden. Revolutionäre Kritik zielt deswegen auf die Abschaffung aller Verhältnisse, die Menschen zu verächtlichen Wesen degradieren und Auschwitz als wiederholbare Konstellation ausweisen; sie ist dabei „dem Bannkreis des Daseins“ nicht entrückt. (Adorno)27Dessen „Schein wäre auf die Formel zu bringen, dass alles gesellschaftlich Daseiende heute so vollständig in sich vermittelt ist, dass eben das Moment der Vermittlung durch seine Totalität verstellt wird. Kein Standort außerhalb des Getriebes lässt sich mehr beziehen, von dem aus der Spuk mit Namen zu nennen wäre; nur an seiner eigenen Unstimmigkeit ist der Hebel anzusetzen.“ (Adorno)28 Revolutionäre Kritik ist daher zunächst nichts als die „subversive Inszenierung von Reflexion im totalen Zusammenhang der Verblendung“ (ISF)29, ihre plausibelste Form die Kränkung der Subjekte, die fest davon überzeugt sind, das Richtige zu tun, doch das Richtige allenthalben vorsätzlich zum Falschen verkehren. Sie kann nicht viel, aber eines ganz sicher: offenen Aufklärungsverrat anprangern. Der Horizont dieser Kritik des Bestehenden, so viel ließe sich wohl sagen, ist der Verein freier Menschen, die Beantwortung der Frage, „wie ein Ganzes sein [kann], ohne dass dem Einzelnen Gewalt angetan wird.“ (Adorno)30 Gesellschaftliche und ideologische Strukturen – Waren- und Denkform –, die mit diesem Horizont unvereinbar sind, die ihm entgegenstehen und entgegenarbeiten, sind ihr Gegenstand. Israel als konkreter Fluchtpunkt des allgegenwärtigen Wahns der unterworfenen Selbstunterworfenen und ihrem Hass aufs Nicht-Identische, dem sie zuschreiben, was ihnen selbst von der Einrichtung der Welt verwehrt ist, gilt ihre bedingungslose Solidarität. Von ihr kann niemand wissen, wann sie sich begibt und ob dies der Kommunismus sein wird, jede ‚Kritik‘ an der „organisierten revolutionären Emanzipationsgewalt der jüdischen Gesellschaft“ (Bruhn)31 ist deswegen als antisemitisch zu denunzieren.

Daneben weiß revolutionäre Kritik nur noch um ein Konkretes: um die Emanzipation der Geschlechter von ihrem sexuellen Unbehagen und ihren Männlichkeiten, die stets noch die Gewalt der gesellschaftlichen Struktur und ihres Naturbegriffs „als unabänderliche, als ein Stück gesunder Ewigkeit“ (Adorno)32 in die intimsten Regungen der Menschen einschreiben – sonst weiß Kritik nicht viel. „Tatsächlich ist es keineswegs stets möglich, der Kritik die unmittelbare praktische Empfehlung des Besseren beizugeben, obwohl vielfach Kritik derart verfahren kann, indem sie Wirklichkeiten mit den Normen konfrontiert, auf welche jene Wirklichkeiten sich berufen: die Normen zu befolgen, wäre schon das Bessere.“ (Adorno)33


Fußnoten

1 Marx, Karl (1964): Das Kapital. Band III, in: MEW, Bd. 25, Berlin: Dietz, S. 787.

2 Wie bereits einmal auf Facebook (Aktion Zaungast, 10.1.2015) dargelegt, kann hiermit begriffslogisch nicht jene Truppe gemeint sein, die sich „RAB“ nennt. Vgl. noch abweichend AZ und ABGWB: https://abgwb.wordpress.com/2015/09/05/solidaritaet-als-linke-maennerfantasie-eine-bremer-regression/

4 Adorno, T. W. (2003): Ästhetische Theorie, in: Ders.: Gesammelte Schriften, Bd. 7, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, S. 9.

6 Ein Phänomen, das sich zwar mannmännlich spezifizieren, aber mitnichten auf männlichen Sexus einschränken ließe.

9 Canetti, Elias: Masse und Macht, Fischer 1980, S.

10 Canetti, Elias: Masse und Macht, Fischer 1980, S. 30.

13 Adorno, T. W. (2003): Spätkapitalismus oder Industriegesellschaft?, in: Ders.: Gesammelte Schriften, Bd. 8, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, S. 354–370, hier S. 366.

16 Adorno, T. W. (2003): Spätkapitalismus oder Industriegesellschaft?, in: Ders.: Gesammelte Schriften, Bd. 8, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, S. 354–370, hier S. 368 f.

18 Vgl. ähnlich und doch anders: Ag Antifa Halle/Ag „No Tears For Krauts“, in: http://jungle-world.com/artikel/2013/15/47522.html

19 Vgl. die Prozessbeobachtungen vom „Arbeitskreis kritischer Jurist_innen Bremen“: http://akj-bremen.org/

20 Adorno, T. W. (2003): Spätkapitalismus oder Industriegesellschaft?, in: Ders.: Gesammelte Schriften, Bd. 8, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, S. 354–370, hier S. 361.

21 Adorno, T. W. (2003): Noten zur Literatur, in: Ders.: Gesammelte Schriften, Bd. 11, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, S. 409–430, hier S. 413.

22 Adorno, T. W. (2003): Spätkapitalismus oder Industriegesellschaft?, in: Ders.: Gesammelte Schriften, Bd. 8, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, S. 354–370, hier S. 364.

23 Marx, Karl (1972)[1852]: Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, in: MEW, Bd. 8, Berlin: Dietz, S. 115.

24 Adorno, T. W. (2003): Spätkapitalismus oder Industriegesellschaft?, in: Ders.: Gesammelte Schriften, Bd. 8, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, S. 354–370, hier S. 368.

25 Adorno, T. W. (2003): Spätkapitalismus oder Industriegesellschaft?, in: Ders.: Gesammelte Schriften, Bd. 8, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, S. 354–370, hier S. 370.

26 Adorno, T. W. (2003): Hans-Guck-in-die-Luft, in: Ders.: Gesammelte Schriften, Bd. 4: Minima Moralia, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, S. 34.

27 Adorno, T. W. (2003): Zum Ende, in: Ders.: Gesammelte Schriften, Bd. 4: Minima Moralia, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, S. 283.

28 Adorno, T. W. (2003): Spätkapitalismus oder Industriegesellschaft?, in: Ders.: Gesammelte Schriften, Bd. 8, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, S. 354–370, hier S. 369.

29 Initiative Sozialistisches Forum [ISF] (2000): Der Theoretiker ist der Wert. Eine ideologiekritische Skizze der Wert- und Krisentheorie der Krisis-Gruppe, Freiburg: ça ira, S. 112.

30 Adorno, T. W. (1993): Beethoven. Philosophie der Musik, in: Ders. Nachgelassene Schriften, Abteilung I, Fragment gebliebene Schriften, Bd. 1: Philosophie der Musik; Fragmente und Texte, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, S. 62.

32 Adorno, T. W. (2003): Sur l’eau, in: Ders. Gesammelte Schriften, Bd. 4: Minima Moralia, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, S. 178–179, hier S. 179.

33 Adorno, T. W. (2003): Kritische Modelle 3. Kritik, in: Ders.: Gesammelte Schriften, Bd. 10.2: Kulturkritik und Gesellschaft II, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, S. 785–793, hier S. 792.

34 Adorno, Theodor W. (2003c): Negative Dialektik, in: Ders.: Gesammelte Schriften, Bd. 6, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, S. 151.

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