Robert Stark vom linkshedonistischen Berliner Hate-Magazin “wird stinksauer“, wenn er sich, wahrscheinlich geistig noch im chemo-liquiden Zustand vom Vorabend, über die aktuellen Auswüchse des gleichgeschalteten Massentourismus erregt.

„Wer sich trampelnd, lärmend und nervtötend durch fremde Länder bewegt, ist nicht weltoffen und nicht alternativ, sondern halt einfach kacke. Verwunderung über vermeintlich einheimische Reserviertheit, überzogene Preise und die langweiligen Erlebnisparks City-Center sind Ausdruck der eigenen Unfähigkeit zu begreifen, dass, wenn man sich als lebendiger Dollarsack bewegt, auch als solcher behandelt wird.“ 1

Damit hat sich das Magazin endgültig den unrühmlichen Titel als „Wutbürger der Woche“ verdient, der seiner sich an der deutschen Sprache delinquierenden Sequenz linker Mode-Vulgarismen allerdings schon seit einiger Zeit zusteht.
Zeit also Bilanz zu ziehen und dem pferdebetäubungsmittelaffinen Haufen verbitterter linksradikaler Lebzeitstudenten für die ‚Progressivität‘ ihres hässlichen Jobs zu bestrafen, den sie nunmehr seit über sechs Jahren ungestört verrichten dürfen.

Postmoderne Internethedonisten

Wenn sich irgendwo zwischen linksradikalem Sozialisationsmoloch und Kreuzberger Vintage-Bohème eine Gruppe junger ‚Alternativer‘ nach dreitägigem Meth-Exzess zusammenfindet, um „den Wahnsinn der Nächte auf gedrucktem Papier zu verewigen“ und quartalsweise dem Hass gegen „alles was ihnen in die Quere kommt“ 2 freien Lauf zu lassen, kann kaum überraschen, dass dabei nur eine Agglomeration degoutanter Textproduktion in sogenannter deutscher Sprache herauskommen kann. Dabei stehen die postmodernen Internethedonisten und ihre chronische, stets in bester Wutbürgermanier verfasste Stimmungsmache gegen Nichtidentisches stellvertretend für den kulturellen Murks einer gesamten Szene. Eine Szene, die sich auch im direkten Umfeld des Berliner Magazins und dessen analphabeter Aneinanderreihung kulturindustrieller Idiome sonnt, wo sie Anerkennung und Bestätigung findet. – Anpolitisierte Jungantideutsche, die einen Großteil ihres durchschnittlich zwanzig-semestrigen Berlin-Aufenthaltes im „about Blank“ oder „Tristeza“ verbringen, Berliner Kiez-Milizionäre, für die das Prädikat Lokalpatriot noch ein Euphemismus wäre, Technofreaks und alteingesessene Autonome, bei denen sich der volkseigene Betrieb Mitte 30 schon regelrecht in die Gesichtszüge eingearbeitet hat.

„Fun, so schrieben Adorno und Horkheimer, ‚ist ein Stahlbad‘. Wer einigen der Wochenendhedonisten am Sonntagmorgen begegnet, hat dementsprechend nicht den Eindruck, sie würden von einer Party, sondern aus dem Kessel von Stalingrad kommen: abgehärmte, eingefallene Gesichter, tiefe Augenringe, weit aufgerissene Augen, nervöse Hyperaktivität.“ (Jens Schmidt)3

Das Hate-Magazin ging laut autobiografischem Selbstnarrativ aus einem Treffen linker Vollzeithedonisten hervor, für die sich die andauernden Party- und Drogenexzesse bereits zur Lebensmaxime verdichtet hatten. Der befriedigende Ruf nach verschmelzender Geborgenheit in den Untiefen der Berliner Frühclub-Szene ist genauso wie das stete Funktionieren-müssen, das bei den Feiergenossen immer mit Rücksichtlosigkeit gegenüber den Eskalationsfluss störende Einzelne einhergeht, fester Bestandteil einer linken Partyszene geworden, die sich notorisch in alles und vor allem sich selbst einen politischen Anspruch hineinlügt. Doch die typische Szene-Distinktion ist kein Ausdruck wünschenswerter Individualität, die wenigstens mit der Mündigkeit zum halbwegs klaren Gedanken aufwarten könnte, sondern wirkt jedem individuellen Denkprozess von vornherein entgegen.

Niedertracht linker Berufsantirassisten

Als ein Freund der Musikerin Jennifer Weist alias Jennifer Rostock vor einer Lokalität des Friedrichshainer RAW-Geländes im August letzten Sommers nach einer verbalen Auseinandersetzung mit einer Bande Jugendlicher ein Messer in den Hals gerammt bekam und nur durch den glücklichen Zufall nicht lebensgefährlich verletzt wurde, veröffentlichte die Sängerin kurz darauf eine Facebook-Stellungnahme. Aus dem Vorfall, der große Empörung hervorrief, und den damit einhergehenden Berichten ging klar hervor, dass es sich bei den Tätern wohl um Migranten handelte. Jennifer Rostock hatte unter dem Bild der Halsverletzungen ihres Freundes den Ablauf der Ereignisse allerdings lediglich knapp skizziert.

Sollte dies auch in erster Linie dazu beitragen, die Täter zu fassen, ließ sich der unempathische Stoßtrupp der Hate-Redaktion in einem gewohnt behelfsmäßigen Anfall linken Wahns nicht nehmen, mit einem mittlerweile gelöschten Schmähtext Jennifer Rostock der gezielten Kumpanei mit Nazis und Ausländerfeinden sämtlicher Couleur zu bezichtigen, weil sich aufgrund des Vorfalls mittlerweile ordinär fremdenfeindliche Kommentare auf ihrer öffentlichen Facebook-Fanpage gehäuft hatten.

Auf zweifelnde Nachfragen von Hate-Anhängern, die sich ihr Resthirn anscheinend noch nicht ganz mit synthetischen Substanzen aufgelöst hatten und diesen Denunziationsversuch nicht wirklich überzeugend fanden, polterte das Magazin:

„13 Stunden, 35.000 Shares und 20.000 Likes später: Der rassistische Kartoffel-Mob tobt noch immer in Jenniffer Weists Profil (…) Da nutzt eine bekannte Sängerin ihr Profil für so ein Posting und dann lässt sie den Mob rassistisch pöbeln – ohne einzugreifen, ihren Post zu löschen oder mal selber Stellung dazu zu beziehen.“ 4

Die gewünschte Stellungnahme kam zwar weniger als 24 Stunden später. Doch die Berufsantirassisten von der Hate-Redaktion wollten sich weiterhin nicht vorstellen, dass die Sängerin einen halben Tag nach dem versuchten Totschlag an ihrem Freund tatsächlich etwas Besseres zu tun haben könnte, als in strafbedürftiger Internet-Antifamanier irgendwelche Kommentarspalten zu reinigen. So weit, so niederträchtig.

Derselbe antirassistische Reflex taucht beim Hate-Magazin regelmäßig auf. Selbstverständlich kam es zu ähnlichen routinierten Ausfällen, als Journalisten wagten, am „Kotti“ als Hort alternativer Berliner Urbanität zu zweifeln und dieses Bild stattdessen mit misogyner Alltagspraxis, Gewalt und Verelendung kontrastierten. Für die strunzdumme Hate-Redaktion eine Todsünde und willkommener Anlass, das postkoloniale Elend mit Rassismusvorwürfen zum Verschwinden zu bringen und noch den leisesten Zweifel am gesamtideellen Kulturschutzreservat mundtot zu machen.

Kleinbürgerlicher Hass

Auch in ihrem neusten Erguss mit dem Titel „Warum eure Reisen und Instagram Bilder die Pest des 21. Jahrhunderts sind“ wird fleißig Vergeltung geübt:

„Wenn man sich bei einem kurzen Ausflug dann noch in den vermeintlich sicheren Touri-Gebieten aufhält, hätte man eigentlich auch gleich zu Hause bleiben können. 3 Tage Budapest, 2 Nächte in Oslo, Wochenendausflug nach Warschau: the grass is always greener on the other side of the fence. Und DU kannst es kaufen! Die Abenteuer sind Pelmeni, Fish & Chips und irgendwas anderes, was dann zwar scheiße schmeckt, aber immer noch für einen Facebook-Post reicht. Niemand reist um sich überwältigen zu lassen, zu zuhören, für den Erkenntnisgewinn, für die Einsicht oder für den Verlust von Heimeligkeit.“ 5

Der philiströse Hass auf Wohlstand richtet sich hier ganz offensichtlich noch nicht einmal gegen Reichtum als solchen, sondern in kleinbürgerlicher Manier gegen den mittlerweile für immer mehr Menschen realisierbar gewordenen Wunsch, übermorgen schnell dort sein zu können, wo es womöglich schöner ist. Er richtet sich dabei (post-)pietistisch gegen das Mindestmaß an bürgerlicher Freiheit zu individueller Mobilität, also der Möglichkeit, sich einigermaßen unabhängig bewegen zu können, was spätkapitalistische Dynamik und bürgerlicher Rechtsstaat bislang immerhin für einige Menschen gewährleisten können.

Diente lange Zeit das Abfackeln von sogenannten Luxuskarosserien den Altautonomen als Katalysator zur projektiven Verachtung von Vielfalt und Reichtum, hat sich das virtuell ‚hatende‘ Vulgär-Antideutschtum anno 2016 nun auf vermeintlich biedere Pseudoindividualisten eingeschossen, die, wenn es nach der Hate ginge, aufgrund ihrer vorhersehbaren statischen Urlaubsaktivitäten besser gleich zu Hause geblieben wären, anstatt den unmanierlichen Erlebnistouristen zu spielen.

„Es ist kein Zufall, dass sich die Aufregung über „Touristen“ und den vermeintlichen Hass auf sie, die seit dem vergangenen Sommer die Gegner der Gentrifizierung ebenso umtreibt wie antideutsche Kritiker der Gentrifizierungskritik, nicht unter den Anwohnern des Schlosses Charlottenburg oder in Berlin-Mitte, sondern in einem Milieu entwickelt hat, in dem der Typus des mobilen Individualisten und kreativen Freelancers aus der Notwendigkeit prekären Selbsterhalts heraus zur Existenznorm geworden ist. In der Verachtung der piefigen Pauschaltouristen, die in Ibis-Hotels wohnen und die allen Ernstes Sehenswürdigkeiten fotografieren, ist man sich hier ohnehin ebenso frontenübergreifend einig wie im Hohn auf Stubenhocker, die seit dreißig Jahren am selben Ort leben. Auch der Oberklassentourismus ist trotz des Ressentiments gegen „Aufwertungen“, die nicht nur daran erinnern, dass es einige besser haben, sondern auch daran, dass es eigentlich alle besser haben könnten, nicht das wichtigste Objekt der linksalternativen Touristenjagd.“ (Magnus Klaue)34

Im Zweifel ist das Hate-Magazin, dessen Horizont gerade so vom Kotti bis zum nächsten Ecstasy-Dealer reicht, auch antideutsch zu nennen und stellvertretend für seine antiautoritäre Klientel wieder einmal ganz zu sich selbst gekommen. Neben den Klassenkampf-Pamphleten eines Daniel Kulla, einer Zusammenarbeit mit dem antisemitischen „lower class magazine“ und dem Verleumden von Gewaltopfern findet sich – wenn man nur weit genug scrollt – auch die obligatorische BDS-Kritik, harmloses Geschwurbel über die härtesten Auswüchse bei den antizionistischen linken (Ex-)Genossen und immer wieder Ordinär’kritik‘ am organisierten Deutschtum.

Doch wie der Öko-Purist, der sich zum veganen Großreinemachen rüstet, schwafelt Robert Stark, der wohl lange keinen feuchten Traum mehr hatte, vom „lebendigen Dollarsack“, um das burleske Kultur-Flaggschiff, das so gerne nonkonform sein möchte, in Schussstellung für den Frühjahrsputz zu bringen. Der Hate-Radaktion ist der eigene Luxus offenbar so unangenehm, dass sie, um im Gespräch zu bleiben, fortwährend als Feindaufklärerin bei der deutsch-alternativen Gegen-Bohème antichambrieren muss, die für Gentrifizierer, Touristenhorden und sonstwie missliebige, das hoodmentale Harmoniebedürfnis störende Personen nicht viel übrig hat.

Da man es dabei nicht allzu offen mit dem palästinensischen Vernichtungsantisemitismus halten darf, hat die Hate-Redaktion als anständige Critical-Whiteness-Adeptin das israel-, also judenfeindliche Ressentiment im Sommer 2015 salonfähig über eine Anleihe bei der farbigen ‚Israelkritik‘ antisemitischer Volkspositivisten mit dem lächerlichen Namen „Antikapitalistische nichtweiße Gruppe im Aufbau“ ausagiert, um doch wieder beim Vernichtungswahn der iranischen Ummasozialisten zu landen. 7

„Die Dummheit der Reisenden wird nur von ihrer Ignoranz und Unhöflichkeit übertroffen.“ heißt es abschließend zur „Pest des 21. Jahrhunderts“. 8 Die überschwängliche Dummheit der wutbürgerlichen Menschenfeinde von der Hate-Redaktion, die nur der eigenen Sippe das Schwarze unter dem Nagel gönnt, wird bloß noch ästhetisch von ihrer anbiedernden Vice-Stilistik, dem unoriginellen, jovial-sprachrestringierten Jargon übertroffen, der die Frage aufwirft, ob die Redaktion ihre eigene Leserschaft wohl für einen Haufen Vollidioten hält, womit sie dann allerdings ausnahmsweise Recht hätte. Schon allein der Form nach hat sich das Hate-Magazin deswegen den Titel „Wutbürger der Woche“ redlich verdient.

Advertisements