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Aktion Zaungast

„Wutbürger der Woche“: Das Rapkollektiv „Ticktickboom“

Nominiert von der Aktion Zaungast

Die zwanghafte Retraditionalisierung der Linken lässt sich immer wieder materialorientiert an ihrem Kulturgut festmachen, auch wenn man die schlimmsten Erzeugnisse niedersten Agitprops aus der Schublade kaum zitieren mag. Wenn schon die Form so verhunzt ist, dass man dem restringierten Sprachmüll, der beispielsweise als ‚Polit-Rap‘ daherkommt, auch den Ton abstellen könnte, um alles zu wissen, was man zu wissen braucht, ist der Gegenstand eigentlich bereits unter aller Kritik. So verhält es sich ohne Frage mit dem Rapvideo von „Kaveh“ und „Thawra“, das sich gegen ‚Antideutsche‘ richtet.1
Doch wie so oft, wenn etwas politisch erst noch genannt werden muss, wo sich das Politische entweder sparsam oder pompös verpacken lässt, steckt immer mehr dahinter als bloße Pathologie und bloße Dämlichkeit. Es geht um ideologische Muster und das informelle Bündnis, das hier notwendig entsteht. Es lässt sich recht trefflich an den unausweichlichen Begleiterscheinungen linker Bewegung in Gestalt linken deutschen Polit-Raps einschließlich seiner Sozialpädagogik zeigen.

Als dessen prototypische Erscheinung kann ohne Zweifel jemand gelten, den man nun wirklich nicht erwähnen möchte – so offensichtlich er etwas über sich selbst und die linken Zonen Nordrhein-Westfalen ausplaudert, so gering die Gefahr, dass es ihm je gelänge, von irgendjemandem ernst genommen zu werden. Doch wenn man mag, kann man an der Entwicklung des Tourette-Rappers „Makks Damage“ vom antisemitischen Stalinisten zum lupenreinen Nazi immer wieder besonders sinnfällig studieren, wie sich Faschismus als spezielle Synthese aus links und rechts konstituiert. Es kann da gar nicht weiter wundern, dass Polit-Rap auch andere schäbige, sich allerdings noch links nennende Antiimperialisten wie den trotzkistischen SAV-Sektenguru „Holger Burner“ anzieht; er träumt davon, die Bänker von Hamburg bis München mit Uzis zu lynchen und entblödet sich nicht, sich stetig mit irgendwelchen ’sozialen Kämpfen‘ von Venezuela bis ‚Palästina‘ zu solidarisieren. Auch die militante Tierkämpferfront hat mit dem personifizierten Denkboykott „Albino“ einen Vertreter, der in seinem Anfall antispezisistischen Rachewahns gegenüber der Menschheit die Massentierhaltung zur größten Perversion der Neuzeit stilisiert. Der im Gegensatz dazu durchaus erfolgreiche und manchem zunächst wohl harmloser anmutende antiimperialistische Spießgeselle „Disarstar“, der unlängst von seinem mal mehr, mal weniger pogromaffinen völkischen Krisenminimierungsgeseiere2 zu offenen Mordparolen übergegangen ist,3 stellt vorläufig den trendigsten Vertreter dieser Reihe dar.

Da sich Kritik allerdings nur, wenn es ums Äußerste geht – und dann sehr praktisch –, gegen Subjekte zu richten hat, die ohnehin verloren sind, sollte man sich mit diesen Beispielen nicht länger als unbedingt notwendig aufhalten und lieber den sich selbst als reflektiert verstehenden Vertretern des Genres zuwenden. Man könnte meinen, die allzu leichte Polemik, die sich freilich ein wenig dem infantilen Gegenstand anpassen muss, deutet unzweifelsfrei darauf hin, dass hier einiges im Argen liegt – dass sich also diese ‚kritischen‘ Vertreter zuallererst einmal dem eigenen Sub-Genre zuwenden, um zu zeigen, dass dies alles mit Form und Inhalt ihres popkulturellen Lieblings-Artefakts eigentlich gar nichts zu tun habe. Doch das ist leider weit gefehlt. Die Szene-Sozialpädagogen des Zusammenschlusses linker ‚Zecken‘-Rapper und -Rapperinnen „Ticktickboom“, die selbst so frei sind, sich als Kollektiv zu bezeichnen, versuchen sich lieber seit geraumer Zeit mit bescheidenem Erfolg daran, der Mutterkultur den Sprachfeminismus nahezubringen4 oder ihr die nationalistischen Flausen auszutreiben.5 Sie dürften zwar eine Ahnung von der Aussichtslosigkeit ihres Unterfanges haben, doch das hat politische Pseudo-Aktivität noch nie von etwas abgehalten und man muss ihnen durchaus zugutehalten, dass sie der Versuch ehrt – und ebendas macht sie in dieser Sache auch zum angemessenen Gegenstand der Kritik: Wer den Wahn zwar eifrig umsorgt, aber selbst noch zwischen erstarrtem Glaubenssatz und Spleen in poststrukturalistischem Meinungspluralismus irrlichtert, könnte einer Kritik, die aufs Ganze zielt, vielleicht durchaus noch zugänglich sein. Eine solche Kritik äußert sich notwendig umso polemischer, je stärker der Verdacht sich erhärtet, dass so viel hier doch nicht mehr zu retten ist, und nur die Kränkung, die aufs Subjekt zielt, noch zu helfen vermag – also das genaue Gegenteil sozialpädagogischer Empfindsamkeit, die gerne auch ‚gewaltfreie Kommunikation‘ genannt wird.

Anzusetzen hätte eine Kritik, die wirklich eine sein möchte, und die Rap im Fokus hat, zuerst einmal und nicht wirklich fernliegend an dessen Ursprungsmythos. Sie würde sich dann sofort fragen, wieso denn wohl der Polit-Rap fast immer in scheinbar notwendigem identitätspolitischen, also kulturalistischen Widerstandsgestus und die damit verbundenen Säuberungsfantasien verfällt. Statt genau hier selbstkritisch anzusetzen, die ‚Dekonstruktion‘ vielleicht wenigstens einmal auch an sich selbst zu praktizieren, also nicht etwa nur zu überlegen, wie weiße Cis-Männer, sondern wie die eigene politische Form den schlechten Zustand und die Brüderlichkeit hervorbringt, wird genau dieses problematische Moment konserviert und sozialpädagogisch umgarnt. Dabei ist es natürlich kein Zufall, dass gerade eine Kunstform, die so viel mit Innerlichkeit, subkulturellem ’signifying‘, authentischer ‚representation‘ und wahrer ‚Subalternität‘ zu tun hat, besonders schnell dem Wahn verfällt. Wo nicht etwa das amerikanische Wohlstandsmodell affirmiert und so gesellschaftliche Inklusion ganz materialistisch für sich selbst und die Seinen unmittelbar erstrebt wurde, war dem Genre ‚Politrap‘ ausgehend vom Segregations- und Marginalisierungskontext prekarisierter afro-amerikanischer Urbanität schon immer die Tendenz eines brutal anklagenden, hasserfüllten Opferhabitus eingeschrieben, der sich sehr schnell auch als offener Antisemitismus äußerte, wie beispielsweise bei „Public Enemy“. Die kulturalistischen und islamisierten Teilströmungen des Civil Rights Movement sind natürlich besonders auf ihren rapkulturellen Ausdruck immer wieder voll durchgeschlagen.

Hätte man nun erwarten können, dass die „Ticktickboomer“ wenigstens so ausführlich, wie sie belanglosen Nazi-Rap besprechen, einmal den Blick nach links werfen, gerade bei dem großen Distinktionsbedürfnis gegenüber der restlichen Rap-Szene, verhält es sich damit leider vollkommen verkehrt. Allem, was sich links nennt, wird ein Persilschein ausgestellt, bis weit über die Schwelle zum offenen Antisemitismus hinaus. Während man versucht, den eigenen queeren Unternehmergeist als revolutionäre Maulwurfsarbeit zu verkaufen und an das anpolitisierte Jungvolk heranzutragen, wird noch jedem irgendetwas abgewonnen, der nur irgendwie gegen das ‚System‘ wettert.6
Dass dort, wo man also keine vernünftige Abgrenzung innerhalb des eigenen Milieus zustande bekommt, von einem Blick in die ganz und gar erschreckenden Untiefen wohl politisch zu nennender Verlautbarungen aus Kreisen der rappenden ‚arabischen Community‘ schon gar keine Rede sein kann, überrascht zwar niemanden. Man fragt sich aber dennoch, was verkehrt gelaufen ist mit einer Linken, deren Vertreter man getrost unterstellen darf, des Denkens mächtig zu sein. Noch die offenkundigsten und notwendig auftretenden Probleme des Genres Polit-Rap werden ignoriert und stattdessen eine anti-sexistische Vokabellehre betrieben, wo das wichtigste antifaschistische Anliegen doch nur sein kann, den in der Rap-Szene grassierenden Antizionismus und damit einhergehend den männlichen Sozialcharakter und seinen Ehrbegriff einem genauen Blick zu unterziehen. Es ist offensichtlich so, dass Rassisten und Sexisten hier nur bekämpft werden, „weil man sie benötigt. Sie werden gebraucht, weil sie sowas wie der Dreck sind, an welchem der Saubermann zeigen kann, dass er einer ist.“ (Wolfgang Pohrt)7 Die notorische Verweigerung selbst noch eines israelsolidarischen Lippenbekenntnisses verrät viel vom völkischen Drall dieser Sturheit und ist bereits in den Denkbewegungen der poststrukturalistischen Haustheorie und ihren Anverwandten, den ‚postcolonial- und subaltern studies‘, angelegt.

Wie nicht anders zu erwarten, ist die theoretische Reflexion der „Ticktickboomer“ ganz wesentlich von diesen ‚Cultural Studies‘ inspiriert,8 die Kultur bloß als Text lesen und deren regressive Tendenz in vermeintlicher De-Ontologisierung des Sozialen durch die Form kulturalistischer Ein- und Ausschlusssemantiken wie ‚maps of meanings‘, ’signifying systems‘, ‚Hegemonie‘, ‚Artikulation‘ und ‚representation‘ einfach zum Verschwimmen und damit zum Verschwinden bringen, was eben trefflich damit einhergeht, sich besonders ehrgeizig an sexistischen Oberflächenphänomenen abzuarbeiten. So empört man sich, dass der phallokratische Heterosexismus so sehr in der Raplandschaft blüht, der dort nicht etwa bloß Abdruck patriarchalischer Verhältnisse ist, sondern hinter den sexistischen Modus der bürgerlichen Mitte und ihre Triebtabuisierungen noch zurückfällt, indem er diese zu transzendieren versucht. Der Ursache dessen tiefgründiger nachzuspüren wäre so schwer nicht, nur müsste man sich dann einmal kritisch fragen, ob denn nicht auch der kulturalistische ‚gegen-hegemoniale‘ Partisanenmodus selbst, und nicht nur die ohnehin unverkennbare subkultur-spezifische Feindsemantik viel mit dem beleidigten Männlichkeitsgebaren deprivierter Vorstadtkinder zu tun haben könnte – etwas, das man also selbst hegt und pflegt oder, wie man so gern sagt: ‚reproduziert‘. Es zeigt sich hier einmal mehr, dass dort, wo Männlichkeit ganz besonders stark um sich beißt, nicht nur einfach irgendwelche Rollenaffinitäten zu (non-)verbalen Gewaltritualen bestehen, sondern Männlichkeit vielmehr schon in der nachbürgerlichen politischen Kampf-Form selbst, dem revolutionären Aufstand als heilsentelechische Massenbewegung der unterdrückten Völker und Sub-Völker, sehr tief angelegt ist.
Es handelt sich hierbei nicht bloß einfach um fehlerhafte libidinöse Objektbeziehungen, sondern um falsche; um einen libidinösen Enthusiasmus fürs neu Konkrete. Dies ist der „Ursprung des Scheins, der den Bildern unveräußerlich ist, die das kollektive Unbewusste hervorbringt. Es ist die Quintessenz des falschen Bewusstseins, dessen nimmermüde Agentin die Mode ist. Dieser Schein des Neuen reflektiert sich, wie ein Spiegel im andern, im Schein des immer wieder Gleichen. Das Produkt dieser Reflexion ist die Phantasmagorie der ‚Kulturgeschichte‘, in der die Bourgeoisie ihr falsches Bewusstsein auskostet.“ (Benjamin)9

Der Reflexionsmodus der „Ticktickboomer“ ist diesem Schein erlegen. So falsch das Anprangern misogyner Semantiken im Deutschrap nicht sein kann, wo sich mittlerweile allerdings viele Sexismen selbst nicht mehr sehr ernst nehmen geschweige denn für voll genommen werden könnten, so wäre doch einmal der tiefere Blick weg von der nur markierten sexistischen Lexik hin zum männlichen Ehrbegriff zu leisten. Man käme dann etwa schwerlich umhin, die Sozialfigur Gangsterrapper in Sonderheit als islamische Ausprägung zu denunzieren. Anstatt die Machos zu schlagen, wenn sie ‚Nutte‘ sagen, und zu streicheln, wenn sie vom ‚System‘ sprechen, wäre doch wohl der eminente innere Zusammenhang im männlichen Prinzip von neidprojektiv verwirrter Verschwörungsideologie und (bewegungs-)widerständigem Opfergestus zu beleuchten – und, wenn man denn dazu in der Lage ist, mit einer treffsicheren Karikatur zu versehen, die gerade die Mohammedaner zu ihrem Recht kommen ließe.

Wird ansonsten bei „Ticktickboom“ penibel darauf geachtet, dass bloß kein falscher -Ismus irgendwo auch nur hervorlugt, gilt das für säuberungsaffine Staats- und Gesellschafts’kritik‘ natürlich nicht – für den Touristenhass kiezmilitanter Nachwuchsantifas aufgrund der großen Nähe zur eigenen ‚Gentrifizierungskritik‘ ohnehin nicht –, vielmehr wird diese weitherzig besprochen. So etwa im Format ‚Raputation‘, wo noch die größten völkischen und antisemitischen Propagandisten mit wohlwollender Ermunterung rechnen können.10 Dass es sich hierbei nicht um einzelne Reflexionsausfälle handeln kann, zeigt das aktuelle Statement des Kulturkollektivs,11 die auch in Bremen keine Unbekannten sind und deren letzte Veranstaltung vor Ort für einigen poststrukturalistischen Wirbel im Nachgang gesorgt hat, der vielleicht einmal an anderer Stelle unter die Lupe zu nehmen wäre.12

Was bei „Disarstar“ explizite Tötungsfantasie ist, die sich vorgeblich nur gegen den israelischen Ministerpräsidenten Netanyahu richtet, findet sich als ‚israelkritische‘ Figur ähnlich auch bei den linksaktivistischen Szene-Sozialpädagogen von „Ticktickboom“. Produzent „LeijiONE“ ist etwa der Meinung, „dass […] Gruppen wie die Hamas oder Politiker_innen wie Netanjahu gleichwohl zu kritisieren sind.“ Begründete Vermutungen, wie es zu diesem moralischen Totalausfall kommen kann, liefert er als autobiografisches Narrativ gleich mit: „So wurde auch gelacht, wenn es im Studio zu gar allzu verkürzten Inhalten und Vergleichen kam: ‚Banker und Kinderleichen‘ wurde so als ‚typischer Kaveh-Text‘ belächelt. Heute holt mich dieser unbedarfte und vielleicht auch naive Umgang mit derlei Themen ein und ich bin an dem Punkt, meine Sicht darauf hinterfragen zu dürfen.“

Was dabei herauskommt, wenn ein geständiger „LeijiONE“ sich endlich so weit erlöst sieht, Selbstreflexion betreiben zu dürfen, ist Folgendes: Er möchte vom „’Dagegen‘ zum ‚Dafür‘ übergehen“ und sich nicht weiter im ‚Nahost-Konflikt‘, also gegen den antisemitischen arabischen Gesellschaftskitt positionieren: „Genau durch eine solche Positionierung nihiliere ich meinen Ansatz die Menschen zu sehen. Ich werde mich nicht für eine Seite entscheiden können. Ich will nicht wählen müssen. Nicht Palästina, nicht Israel. Nicht außen, nicht innen stehen. Es gibt nur die Menschen. Und wenn ich im Internet nach guten Beispielen von Humanität und Nächstenliebe suche, dann finde ich von beiden Seiten Arschlöcher und ich finde von beiden Seiten herzerwärmende Szenen von Solidarität. Ich sehe Menschen, die ihre Herzen für einander öffnen, Liebe für alle Menschen …“13 und so fort, dieses ekelhafte Menschlichkeitsgefasel kann zur Illustration der These dienen, dass dort, wo von ‚Humanismus‘ die Rede ist, mit Sicherheit eine Schweinerei dahinter steckt, und dies ist bei weitem nicht die einzige ausufernde gefühlsduselige Passage. Was hier aufgetischt wird und zwingend nicht weiter zitiert werden braucht, ist reinstes esoterisches Eigentlichkeitsgewäsch. Diese Form lebensphilosophischer Narrativ-Diversität postfaschistischer Subjekte wie „LeijiONE“ vertauscht Mittel und Zweck wie das ‚Sein zum Tode‘ der Djihad-Faschisten – „Diese jungen Männer lieben den Tod, so wie ihr das Leben liebt.“ (Osama Bin Laden). Davon unterscheidet es sich wesentlich und ausschließlich durch das differentiam specificam einer lichtscheuen Menschenliebe, von der man besser nicht abhängig sein möchte, der es offenbar nur darum zu tun ist, sich in der „innerlinke[n] Kultur“ heimelig einzurichten und sich dabei vorzumachen, auch nur irgendwie zum Umsturz der Verhältnisse beizutragen.

Das Wohlfeilste, das man Israel in dieser Szene entgegenzubringen vermag, nämlich seine „Existenzberechtigung“ – die es sich ohnehin von solchen Wohlfühl-Linken und ihrem Mordbuben-Umfeld nicht nehmen lässt – und das szenetrendig durchdidaktisierte wie zugleich ständig selbst unterlaufene Bekenntnis gegen ’strukturellen Antisemitismus‘, legen nur Zeugnis ab vom geistig-moralischen Verfall einer sich denknotwendig retraditionalisierenden Linken, die freilich von all dem nichts wissen will, weil ein noch so leises Bekenntnis gegen den politischen Islam den eigenen Kulturschutzmodus ins Wanken geraten ließe oder ein solches nur als Pseudo-Bekenntnis möglich ist. Die ganz und gar widersinnige Rede von „Islamophobie“ kann an dieser Stelle gar nicht überraschen und zeigt bloß, dass die Berliner Zeckenrapper sich in ihrem Islamneid trefflich mit dem linken Turnbeutelvolk einig sind, das ihnen so erwartungsvoll hinterherspringt. Wie viele Seminare und Workshops die „Ticktickboomer“ als Teil der linken Szene wohl schon durchlaufen haben müssen, um sich ohne jegliche Distanz zu sich selbst doch immer wieder nur um sich und die paar poststrukturalistischen Theorie-Versatzstückchen zu drehen? Die linke Heimeligkeit, die sich noch vor jeder offensichtlich notwendigen Szene-Spaltung herumdrückt, und das ganze blödsinnige auf Unmittelbarkeit getrimmte subkulturelle Wohlfühl-Gehabe, verraten viel von der Ahnung linker Szene-Pluralisten, dass sie unter den ersten wären, die von ihren eigenen Zöglingen hinweggefegt würden, wenn diese nicht etwa von amerikanischen, israelischen und sogar deutschen Institutionen daran gehindert würden.

Die Frage, die „Ticktickboom“ immer wieder unbedingt aufwerfen will, was denn nun noch ‚links‘ sei, ist daher leicht zu beantworten: Links zu nennen ist die ganze auf kollektive (Säuberungs-)Eschatologie gerichtete antiimperialistische Ideologie, ihre poststrukturalistische Entnennung und ihre ‚postkolonialistische‘ Rechtfertigung. ‚Links‘ ist deswegen als selbstbezügliches Attribut gänzlich unbrauchbar geworden für kritische Menschen, es gilt hier nicht mehr als eine aufmerksame destruktive Distanz zu wahren und das ganze völkische Szeneticket schleunigst fallenzulassen. Wenn man das gefühlige regressive Geschreibsel von „Ticktickboom“ so liest, möchte man für die Schließung jeglicher Szene-‚Voküs‘ (neudeutsch ‚Küfas‘) plädieren, wo solch Unsinn und die dazugehörige Innerlichkeitsmystik zumeist ganz besonders zu Hause sind. Von der Sozialfigur ‚Zecke‘ scheint jedenfalls nicht mehr allzu viel zu retten zu sein. Auch in Bremen wird ihr in Teilen durchaus fortschrittlicher Hedonismus langsam aber sicher vom esoterischen Öko-Purismus abgelöst, der seinen sublimierten Selbsthass kaum verbergen kann. Auch angesichts des anti-sexistischen Pseudo-Gerödels, das sich in seiner sportiven Sprachpolitik und seiner subalternen Opferhaltung14 denkbar weit vom Feminismus entfernt hat, ist man mitunter geneigt, sich die saufende und miefende, immerhin offen sinnfrei randalierende Zecke der 80er zurück zu wünschen.

Dass nun selbst diejenigen, die beispielsweise bei den Parolen eines „Disarstar“ nicht mitgehen wollen, diesen gleichwohl aufgrund seiner ‚Raptechnik‘ irgendwie cool finden, wirft dabei einmal mehr ein grelles Licht auf den Subjektverfall der eigendiagnostizierten ‚Postmoderne‘. Wo wohl Haltung gefragt wäre, gefallen sich reihenweise auch vernünftigere Vertreter der linken Szene von Hamburg, Berlin bis Leipzig darin, noch den größten faschistoiden Müll abzufeiern, wenn irgendwelche vermeintlich fremdkulturellen Ehrenmänner vorgeben, die ’spießige‘ deutsche Leitkultur zu ärgern.
Gegen die hier immer wieder aufscheinende Critical-Whiteness-Attitüde derjenigen, die sich selbst gerne neidprojektiv Kartoffel nennen, und theoriekonträr nicht auf die ‚cultural appropriation‘ der von ihnen nie erschöpfend genug durchkatalogisierten Volksstämme verzichten wollen, ist wohl der hedonistische, sich selbst nicht ernst nehmende Konsum noch das Bessere. Man kann nur hoffen, dass es tatsächlich eher der Kitsch, die eigene Langeweile und bisweilen echte Liebe für Wortakrobatik sind, die die nicht allzu realitätsferne Maskerade deutscher Gangster- und Straßenrapper für manche ‚Linksalternative‘ so attraktiv macht. An großen Teilen des traditionsbewussten Bremer Standortkollektivs ist dieser Trend ohnehin wie so mancher Trend – manchmal zum Besseren, manchmal zum Schlechteren – bislang vorübergegangen. In Bremen kündet schon das ausgelatschte Samba-Schuhwerk viel von subkultureller Ungleichzeitigkeit.

Es kann einem allerdings auch hier ganz und gar nicht wohl dabei sein, wie der kollektive Palästina-Support zusehends über die Facebook-Gemeinden der ganz und gar deutschen Rapkünstler und ihrer ‚arabischen Communities‘ vermehrt um sich schwappt – ein echtes Beispiel postkolonialer ‚Mimikry‘. Dies mindestens ebenso laut zu kritisieren wie etwa einen von niemandem für voll genommenen „Fler“,15 ist einer Linken unmöglich, die sich zwar gegen „spezielle Zugehörigkeiten“ wenden will, aber das Bessere nur als deren Verewigung in autarken Kulturreservate denken kann. Hier soll die eine Perspektive immer nur so gut sein wie eine beliebige andere. „Eine Forderung, die Druck auf andere ausübt um eine Positionierung zu erzwingen, kann dadurch für mich nicht akzeptabel sein.“, bringt „LeijiONE“ diesen Wahnsinn auf den Punkt.

Die Aktion Zaungast (AZ) schlägt deswegen den Genossen vom Aktionsbündnis für Wutbürger (ABGWB) vor, diejenigen als Wutbürger der Woche zu prämieren, die man trotz ihres recht fortgeschrittenen geistigen und moralischen Verfalls noch ein klein wenig für ansprechbar halten darf – wo der Wahn also noch nicht scharf gestellt, sondern spiegelbildlich theorieimmanent betreut wird. Oder wie ihr sagt: „Vielmehr sind diejenigen einer beißenden Kritik zu unterziehen, die ihren Antisemitismus durch offizielle Sprachregelungen zu zügeln gelernt haben, also diejenigen, bei denen eine vage Hoffnung auf Restvernunft noch besteht.“ (ABGWB)16 Wütend ist der Gestus der „Ticktickboomer“, wo sie statt die antizionistische Ideologie der Schlächter und ihrer globalen Kumpane anzuklagen, diese und damit ihren eigenen Szene-Nenner beschirmen und sich stattdessen gegen die Szene lähmenden „Innerlinken Hass“ wenden.

Der etwaige Preis ans „Ticktickboom“-Kollektiv wäre deshalb freilich mit der Erwartung verbunden, solche absolut unnötigen und schon der ganzen bewegungsaffinen linkskollektivistischen Projektidee nach tendenziell regressiven Strukturen, die vermutlich allen Ernstes von sich glauben, etwas ‚authentischeres‘ und ‚gesellschaftskritischeres‘ als irgendein anderes deutsches Kulturprodukt abzuliefern, schnellstmöglich abzuwickeln und endlich zur Kritik überzugehen.
Es sind übrigens durchaus, so wäre zu schließen, die in Opferstellung imaginierten ‚Subalternen‘ selbst, die ihre Lebensumstände sehr wohl eigenständig zu durchschauen wissen. So sagt beispielsweise, um kein deutsches Liedgut bemühen zu müssen,17 der US-Polit-Rapper „Immortal Technique“ in einem hellsichtigen Moment: „There’s no diversity because we’re burning in the melting pot“ und dem ist nichts hinzuzufügen.


Fußnoten

2 Vgl. Disarstar auf Facebook: OneTakeClip #5

3 Vgl. Disarstar auf Facebook: OneTakeClip #6

4 https://www.youtube.com/watch?v=4XOJDl7goqg

7 Pohrt, Wolfgang (2004): FAQ, Berlin: Ed Tiamat.

9 Benjamin, Walter (1983): Das Passagen-Werk, in: Ders.: Gesammelte Schriften, Band V.1, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, S. 55.

17 Hier wäre allerdings vielleicht tatsächlich der Gewinner der ersten Staffel von ‚Raputation‘, „Cossu“, zu nennen, der sich wohltuend von den Irrationalitäten vieler seiner Mitstreiter abhebt: https://www.youtube.com/watch?v=cVRpkKqEafs

In eigener Sache

In eigener Sache: Da Bremen wohl nicht nur linksprovinziell ist, sondern auch außerhalb der festgefahrenen Szene schmerzlich so etwas wie städtische Strukturen vermissen lässt, erreichten uns in den letzten Tagen immer wieder Gerüchte, Anfragen und Pöbeleien, welche alle gemein hatten, uns eine terminologische Nähe zur Linkspartei nachzusagen, sprich uns als Nachfolgegruppe des sogenannten und mittlerweile zum Glück aufgelösten „Lak-Shalom“ zu diskreditieren. Angesichts des exorbitant großen Elends der Linken und ihres antizivilisatorischen Bestrebens, die Menschheit in eine Viehhorde zu verwandeln, in der sie selbst eine avantgardistische Rolle einzunehmen gedenken, gut gepaart mit dumpfem Gemeinschaftsgefühl, Affinität zum politischen Islam und chronischen, bis ins Mark antisemitischen Totalausfällen, reiht sich Gysis Bande fest in die globale Linke ein – die, wie jeder weiß, für Mord an Klassenfeinden, tote Juden und Etatismus steht –, und es verbietet sich damit automatisch über eine Dialektik des Sozialismus einhergehend mit der real existierenden Linken überhaupt nur nachzudenken. Auch dann, wenn versucht wird, den poststalinistischen Mief mit einem emanzipatorischen Anstrich weißzuwaschen, wie es seitens des „Bak-Shaloms“ geschieht – der linksinstitutionell bleibt und über das geistige Regredieren seiner restlichen Parteigenossen nicht hinwegtäuschen kann.

Bremer Vielfalt, Bremer Volk: Heimat – Kulturschutz – Säuberung

In Kooperation mit dem Aktionsbündnis gegen Wutbürger

Am treffsichersten ist Polemik immer dann, wenn der Gegenstand ihrer Kritik nur noch zur Verächtlichmachung taugt, was leider nicht zwangsläufig Kennzeichen seines Verfalls ist. Dass es um diesen Grat zwischen Kritik und Verachtung gegenüber der sich zusehends retraditionalisierenden Bremer Linken recht schmal bestellt ist, wenn selbsterklärte Repräsentanten des bremisch-deutschen Standortkollektivs das Politisieren anfangen, macht Kritik umso notwendiger und zugleich auch schwieriger: die einem manischen Wiederholungszwang gehorchenden und im Wandel stets ähnlichen Gegenstände mit den Waffen der Kritik zu bekämpfen, wenn Besserung nicht in Sicht ist.

Es vollzieht sich hier auf anschauliche Weise, was man als stete Wiederkehr des Immergleichen fassen kann: Deutsche Ideologie gleicht ihrer phrasenhaften Bremischen Repetition nach einer ewig rotierenden Schallplatte aus den 80ern und wird, wenn sich denn genug postnazistische Aktivbürger mobilisieren lassen, unter Einsatz jeglicher subkultureller Folklore und im Wohlgefühl, schon irgendwie das Richtige zu tun, durchs heimelige Viertel auf den Markt der Meinungen getragen. Es zeigt sich, dass alles, was hier außerparlamentarische Praxis sein will, angesichts der Abgründe der Bremer Szene überhaupt nur schiefgehen kann, wenn bloß breite Bündnisse geschmiedet werden. Es ist so weit gekommen, dass der Blick auf die Unterstützerlisten solcher Bremer Bündnisse nicht notwendig ist, um zu wissen, was sich hier immer noch und immer wieder an Volksbanden alles tummelt und im völkischen Empörungsgestus, der in der Sozialfigur des deutschen Wutbürgers seinen adäquaten Ausdruck findet, zusammenschießt.

So auch am 3. Oktober auf der Demo „Refugees Welcome – gegen Rassismus und Abschottungspolitik“. Der Demoaufruf1 ist – und hier muss Kritik sorgsam trennen – genau dort richtig, wo er in einem bestimmten Sinne unpolitisch ist, wo er nicht mehr macht, als auf die allermeisten Grausamkeiten deutsch-europäischer Abschottungspolitik hinzuweisen und den kümmerlichen, aber ungleich näher am Einzelnen gebauten bürgerlichen Subjektstatus auch für Flüchtlinge einzuklagen, ohne allerdings darauf zu reflektieren, dass dieser Status im selben Moment, in dem er allen zugänglich wäre, zu existieren aufhörte. Die im Aufruf durchscheinende Einsicht – die wohl auf unmittelbare Erfahrung mit (ehren-)amtlicher Flüchtlingsarbeit und eben nicht auf einen Pseudoaktivismus zurückzuführen ist – , dass in der modernen nationalstaatlich segmentierten Weltgesellschaft ein Rechtsstatus, der nicht auf ständig prekärer Abhängigkeit von staatlicher oder zivilgesellschaftlicher Fürsorge beruht, ganz wesentliches Desiderat von Flüchtlingspolitik sein muss, weist auf ein wesentliches Paradox bürgerlicher Vergesellschaftung hin: Neben dem Status als Citoyen, der in der bürgerlichen Gesellschaft nicht ohne die Idee des Souveräns auskommt, wird das bürgerliche Subjekt zudem über seine Arbeitskraft gesellschaftlich eingepreist – durch den prozessierenden Wert zugerichtet wie inkludiert. Ein unternehmerischer Blick auf Flüchtlinge kann deswegen gar nicht anders als auf ihre Verwertbarkeit schielen. Rassistisch zu nennen ist nicht etwa dieser Beobachtungsmodus, sondern ihre Zwischenlagerung als potentielle Arbeitskraft. Ihrem nach bürgerlichen Maßstäben ganz und gar rechtlosen Status, der ihnen sowohl das Recht in Wert gesetzt zu werden als auch überhaupt das Recht, Geld zu besitzen, beschneidet, und sie in totaler Abhängigkeit von staatlichen und vorstaatlichen Organisationen hält, kann deswegen nur mit der Forderung „Bleiberecht für alle“ widersprochen werden, wobei dieses Recht unter den gegebenen Verhältnissen notwendig ambivalent bleiben muss: „Das Schicksal, das [Geflüchtete] von Staats wegen erleiden müssen, ist jenem am tiefsten Punkt des Sozialrechts verwandt, geschieht in genau dem stetig verkleinerten Abstand, der das Subjekt von seiner Entmündigung und seiner Degradation in einen Gegenstand der Verwaltung trennt. […] Das freie und gleiche Subjekt, wie das Kapital es konstituiert, wie der politische Souverän es exekutiert und wie die Menschenrechte es reflektieren, ist ein notwendig nationales Subjekt. Es ist dem Kapital funktional, wie es dem Souverän loyal ist.“2

Zur Wutbürgerlichkeit gehört es aber unabdingbar, sich nicht mit einer Zustandsbeschreibung nebst pragmatischem Forderungskatalog zufriedenzugeben. Darüber hinaus folgt sie zwanghaft dem Impuls, das deutsche Krisenlösungsmodell und damit den maximalen Horror bürgerlich-politischer Form als Heilmittel auszugeben.3 Um sich für den Ausnahmezustand zu rüsten, bringt der Wutbürger ausgehend von Scholle und Identität einen flexibel verortbaren Gegensouverän in Stellung, dessen Aufgabe zuvorderst darin bestehen soll, die jetzige Vergesellschaftungsform auf Kosten eines Feindes zu transzendieren, dessen wahnsinniger Darstellung man an der Nasenspitze ansieht, dass er die Karikatur des ewigen Juden werden sollte. Dieser Feind ist einer, der von innen zersetzen, aber dem Volkskörper eigentlich ein äußerer sein soll; als Verkörperung solcher „Barbaren“ (Bremer Friedensforum) waren auf der Demo Rüstungskonzerne, Konzerne allgemein, die EU, die USA, TTIP4 sowie reiche Wohnungseigentümer im Angebot. Im Demonstrationszug konnte man den linken Bremer Straßenzoo in seiner ganzen Pracht bewundern und sich davon überzeugen, dass Wutbürger gar nicht anders können als fortwährend von den USA, dem Westen und irgendwelchen Konzernen zu reden, die die Bremer Scholle bedrohen würden. Wusste schon Marx, dass die Abschottung gegen freien Handel ein zutiefst reaktionäres Anliegen ist, gerinnt auch die analytische Kategorie des ‚Neoliberalismus‘ inzwischen durchweg zur antisemitischen Chiffre, wenn dieser statt einer Epoche kapitaler Vergesellschaftung einen Ausfluss von Machenschaften kennzeichnen soll, gegen die es sich in putativer Notwehr zu formieren gelte. Dies geschieht zuallererst als Geschrei nach Säuberung der Gesellschaft von störenden Elementen oder gleich nach ihrer negativen Aufhebung.

Am klarsten wird dies, wenn versucht wird, einen Gedanken zu den Ursachen des Leides zu fassen, also beispielsweise wie behauptet, Fluchtursachen in den Blick zu nehmen. In seinem unreflektierten Zorn wirft der massenhaft Vereinzelte seine geopolitische Meinung über Volkes Feinde aus und setzt zu deren Beseitigung „in unbegriffener Routine [auf die] immergleichen Appellationen an die faschistische Potenz seines Staates“.5 Es wundert nicht, dass dies in Bremen auf besonders fruchtbaren Boden fällt, wo sich ganze Viertel gegen zugezogene ‚Spießer‘ zu Volksfesten mobilisieren lassen, wenn diese die Frechheit besitzen, auf die Einhaltung der Rechtsnormen bezüglich ihrer Nachtruhe zu beharren. Die Kulturschutzgemeinschaft des Viertels setzt sich in großen Teilen aus jener linksliberalen Öffentlichkeit zusammen, deren virulente „Sehnsucht nach dem Weltsouverän“ (G.Scheit) sich in Gestalt des Völkerrechts gegen die USA als hegemonialen Staat und gegen Israel richtet. Demgegenüber wettert der antinationale Antiimperialist vornehmlich gegen den Westen in Gänze und macht, vermeintlich klüger, aber über infantile Parolen wie „Staat Nation Kapital Scheiße“ nicht hinauskommend, eine allgemein-imperiale kapitalistische Logik verantwortlich, die sich trefflich auch als Feind im eigenen Land identifizieren lässt. War der antiimperialistische Gedankengang, die beherrschende Stellung der Industrieländer auf dem Weltmarkt allein für die desolate Lage vieler insbesondere auch afrikanischer Staaten verantwortlich zu machen, zwar immer schon grob vereinfachend, stand er aber tendenziell im Widerspruch zur zwanghaften Personalisierung, wie er nicht nur dem Aufruf zur Demo am 3. Oktober eigen ist. In vollkommener Ignoranz gegenüber den Zuständen vor Ort, die den Menschen das Leben zur Hölle machen, wird auch angesichts der Krise in Syrien mit denselben Kategorien einfach weitergemacht. Ein antifaschistischer Minimalkonsens müsste lauten: Wem zu Assad, dem iranischen Regime und dem Djihadismus sowie dem Islam insgesamt nichts einfällt, der sollte von Fluchtursachen schweigen.

Jeder kann und muss wissen, dass Islamismus und arabisch-islamischer Despotismus notwendig zum Massenmord treiben, was nicht nur in Syrien in blanker Barbarei sich vollzieht, aber nicht einmal ein einziger Satz dazu schafft es in den Aufruftext, in dem stattdessen der Gegenstand mit Phrasen wie ‚Krieg und Gewalt‘ zum Verschwinden gebracht wird. Hier bleibt nur die begründete Vermutung, dass ein Hinweis auf die reale islamische Barbarei nicht ohne antiwestliche Verschwörungstheorie ausgekommen wäre, dass hier, wie man in Bremen so schön sagt, „im Bündnis kein Konsens erzielt werden konnte“. Übrig blieben im Aufruf zur Schande aller Unterzeichner zwei Sätze, die dies vornehm andeuten, ohne sich die Finger schmutzig zu machen: „Viele dieser Fluchtgründe haben hier ihren Ursprung. Sei es die Zerstörung von Lebensgrundlagen durch die EU und ihre Konzerne oder sei es durch Waffenexporte, auch aus der Rüstungshochburg Bremen.“ Weitere Ausführungen kann man bei den Genossen von Attac und vom Friedensforum nachlesen.

Vom Islamismus, geschweige denn vom politischen Islam darf in Bremen unter Linken keine Rede sein, ohne den eigenen Kollektivnenner – Heimatschutz als Kulturschutz plus Säuberung – gehörig ins Wanken zu bringen. Das weist einmal mehr darauf hin, dass es angesichts der offenbar jetzt schon zahlreichen Bremischen islamischen Freischärler und ihrer Nachfolger in spe notwendig wäre, von der antifaschistischen Szene zu retten, was noch zu retten ist. Dies kann angesichts der vorliegenden ideologischen Symptomatik in Bezug auf die allermeisten Gruppen nur heißen, auf die Emanzipation der linken Polit-Subjekte zu dringen. Sinnvoll und daher unmöglich zugleich wäre das nur außerhalb ihrer festgefahrenen Strukturen, die den Wahn selbst nur spiegeln und die sich notwendigerweise darin gegenseitig überbieten, den größten Schund zu produzieren. Der unter den gegebenen Voraussetzungen bestmögliche Zustand ist deswegen einer, in dem die flexibilisierten Polit-Monaden möglichst weit davon entfernt sind, irgendetwas real verschlimmern zu können – denn wo der Wutbürger mobil macht, naht Unheil.
Jeder, der sich einen Rest Ehrlichkeit noch bewahrt hat, weiß deswegen, dass das geistige und moralische Elend, das sich dieser Tage als alternativer Staat in Stellung bringt, gegenüber der einzigen Person, der man tatsächlich abnehmen mag, deutsche Ideologin in erster Linie nur als ‚Charaktermaske‘ zu sein, wahrlich nur noch schlimmer wäre.
Denn neben den linken Aktivisten hegt auch der mehr oder minder unpolitische, das heißt demobilisierte, besorgte Bürger seine Verschwörungstheorien, in denen immer von Strippenziehern und staatsbürgerlicher Souveränität als Kollektiv-Identität die Rede ist. Angela Merkels ‚asymmetrischer Demobilisierung‘ wäre zu danken, dass der Durchschnitts-Deutsche sein Dasein bislang allerdings weitgehend bloß als ‘Eigentumsbestie’ (J. Most) fristet. Die demobilisierte postnazistische Volksgemeinschaft bleibt deswegen in jedem Fall der mobilisierten vorzuziehen, was man sich leicht dadurch klar machen kann, dass die immer mitteilungsbedürftiger werdenden Deutschen zusehends virtuelle Diskussionsplattformen ‚liberaler‘ Ausrichtung dem Youtube-Kommentarbereich proaktiv anähneln. Ohne die Tendenz, die üblichen Verdächtigen als Schuldige dingfest zu machen und diese pogromaffine Projektion als ‚Meinung‘ zu verkaufen, geht das nur selten vonstatten.

In Großstädten manch anderer Länder mag man so etwas wie ein liberales, verfassungspatriotisches Bürgertum ausmachen, das sich in der Regel nur im Kleinen politisch zeigt und die verbindenden Merkmale der Gesellschaft in einer Rechtsgemeinschaft erblickt, deren vornehmster Ausdruck die gemeinsame Verfassung ist, prinzipiell also jedem offen steht, der willens ist diese mit dem Erhalt der Staatsbürgerschaft anzuerkennen. In Deutschland hingegen geht der Liebe zum Grundgesetz auch bei den liberaleren Fraktionen immer schon eine Vorstellung von Verbundenheit durch gemeinsame Abstammung und kulturelle Werte voraus. Dementsprechend wird parteiübergreifend kein Widerspruch zwischen Willkommenskultur und gleichzeitiger Abschaffung des Asylrechtes ausgemacht und die autokratische „Wir schaffen das!“-Politik der Kanzlerin findet bei wachsenden Bevölkerungsteilen ihre erwartbare Entsprechung in antisemitischer Paranoia gegen Presse und Politik und der Bereitschaft, den Hass gegen die heimlich beneidete Fremdkultur zusehends durch Brandschatzung auszuagieren. Die „antagonistische Kooperation“6 zwischen demobilisierter Mehrheit und links-aktionistischer Minderheit verweist dabei auf ein spezifisch deutsches Moment. Die antiautoritäre Minderheit, die ihren Aktivismus als Ausdruck moralischer Überlegenheit betrachtet, bildet die exekutierende Artikulationsform der Mehrheit, sie wird von dieser dafür geächtet und leitet sich daraus erneut einen moralischen Mehrwert ab. In der „Flüchtlingskrise“ beugt sich die Mehrheit nicht widerstrebend der Minderheit, sondern vereinnahmt diese. Noch zieht der weitgehend demobilisierte Volkskörper ‚Mitte‘ Angela Merkel dabei zum Glück klassischeren Tribunen wie Sigmar Gabriel, Jürgen Trittin, Gregor Gysi etc. vor, denn der daubermobilisierte linke Politaktivist verrät allein dadurch, wie Pseudo-Aktivismus aufs innigste mit der äußeren Erscheinung verschmelzen kann – in Bremen immer schön zu beobachten – was auch von links blüht, wenn der mitunter doch noch recht flexible Meinungs-Eklektizismus zum antiimperialistischen Glaubenssatz erstarrt.

Wer angesichts dieser deutschen Gemengelage Selfies mit Geflüchteten, die von nichts mehr künden als vom ‚postmodernen‘ Subjektverfall, schon für die ‚Wiedergutwerdung der Deutschen‘ (E. Geisel) hält, verfehlt deswegen den Gegenstand der Kritik.7 Das Problem sind der Antiimperialismus und der Kulturrelativismus der Friedensbewegten, die sich weit in den gesellschaftlichen Mainstream hinein zu einer handfesten Islamophilie ausgewachsen haben. Der gegen PEGIDA und andere erhobene Vorwurf der Islamophobie bildet dabei nur die Kehrseite der Medaille, vereint ist man im Islamneid8 und damit gerade in der Abwehr der Islamkritik. Diese wird als Rassismus gebrandmarkt, obwohl doch der eigene Hang zum Kulturschutz ganzer Völker und die Beflissenheit, mit der noch jeder religiöse Spleen sozialpädagogisch umsorgt wird, nichts weiter ist als Projektion. Sie zielt links wie rechts auf die Herstellung eines Kollektivs gegen alles Westliche und hat deswegen viel vom Antimodernismus islamischer Djihadisten und ihrer Konstruktion der Glaubensgemeinschaft: Heimat- und Kulturschutz werden mit einer Imago vom volksfeindlichen Zersetzer verknüpft. Dies ist das geistige Elend. Das moralische Elend lässt sich insbesondere an der Neidesoterik vom revolutionären Subjekt festmachen, wie sie vielen Antinationalen zueigen ist. In ihrem Windmühlenkampf gegen Staat, Nation und Kapital – der ja problemlos mit einer Pseudo-Kritik des politischen Islam einhergehen kann – treiben sie linken Zynismus auf die Spitze. Bei der BA und dem UmsGanze-Bündnis heißt es euphorisch: „Tagtäglich kommen Tausende Menschen nach Deutschland – trotz Frontex, militarisierten Grenzen und verschärftem Asylrecht. Das ist erstmal ein Grund zum Feiern. Auch cool: Eine überraschend große Anzahl von Menschen engagiert sich in Deutschland momentan aktiv in der Solidarität mit Geflüchteten.“9 Ähnlich wie in der braven Thüringschen Heimat Bodo Ramelow die Ankunft zahlreicher Geflüchteter – die er mit einem ‚Inshallah‘, dem islamischen ’so Gott will‘, zu begrüßen wusste – der schönste Tag seines Lebens war,10 wird hier grenzenlos frohlockend der leidvolle Fluchtanlass zum widerständigen Moment gegen das attraktivere westliche Vergesellschaftungsmodell verklärt. Dabei gelte es, „den politisch Verantwortlichen bundesweit das Leben so schwer wie möglich zu machen. Die Mauern der Festung Europa wackeln, helfen wir mit, sie einzureißen.“11 Deutlich wird daraus nur, wie wenig es solchen Aktivisten um das Leid der Flüchtlinge geht, die Tod und Elend oft unter erheblichem Risiko gerade entflohen sind und deren Anliegen in Deutschland vermutlich darin besteht, zumindest ein kleines Glück zu finden, ein Minimum an Freiheit zu genießen und zunächst einmal ein wenig Deutsch zu lernen, eine bezahlte Arbeit zu finden. Ihr Interesse, Deutschland im Sinne linker Politclowns umzugestalten, dürfte erfreulich gering sein, auch wenn man sich bewusst machen muss, dass die Aufgabe, den Flüchtlingen eine Teilhabe am Leben zu ermöglichen, erheblichen staatlichen Aufwand dringend notwendig machte. Es bleibt nur zu hoffen, dass dieser Widerstandsgestus nichts als Pseudo-Aktivität bleibt, denn wenn Geflüchtete sich auf irgendjemanden nicht verlassen sollten, dann auf eine Linke, die beständig von all dem schweigt, gegen das die kapitalistische Subjektzurichtung der entwickelten Länder noch das Bessere ist. Die antirassistische Ideologie, die in weiten Teilen, und bei manch einem sicherlich zum Besseren, in Volkes Mitte eingesickert ist, und beim Establishment mittlerweile zum guten Ton gehört, leistet so ihren ganz eigenen Beitrag zur kulturalisierten Konservierung der Verhältnisse. Zuvorderst zum Elend der Flüchtlinge, denen in diesem Zoo der Kulturen die Rolle derer bleibt, die staatlicherseits je nach politischer Wetterlage entweder geschlagen oder gestreichelt und von Linken für ihre praktischen Feierabend- und Ferienfeldzüge gegen Volksschädlinge instrumentalisiert werden. Diese politische Praxis weiß sich sogar noch ohne Gefühl von Ohnmacht dumm zu machen, was darauf hinweist, dass es sich beim Beschweigen von Frauenunterdrückung und Barbarei nicht einfach um falsche Rücksichtnahme, sondern um praktische Entmündigung aus kulturalistischem und antiimperialistischem Vorsatz handelt.

Wo in der Flüchtlingshilfe die Grenze zwischen Pseudo-Aktivität12 und hilfreicher privater Unterstützung zu ziehen wäre, die allein schon deshalb, weil Geflüchtete dann niemandem dankbar sein bräuchten, die staatliche Hilfe nicht ersetzen darf, kann freilich von hier aus nicht entschieden werden. Wenn auch die Bildzeitung die Willkommenskultur hochleben lässt, womit sie sich dem Hass all derer sicher sein kann, die sich um ihr revolutionäres Subjekt betrogen sehen, zeigt sich einmal mehr, dass das antirassistische und entweder offen (Bremer Refugee Bündnis) oder in neidvoller Abspaltung (Pegida) islamophile Deutschland nicht mit antinationaler Phrase abzuspeisen ist. Es bleibt dabei: Ein jeder, der Stolz auf sein Land ist, ist ein Dummkopf und eine potenziell tödliche Gefahr, dem deswegen hier und da vorsorglich Prügel anzudrohen nicht ganz falsch sein kann. Aber als wäre die ‚ethnopluralistische‘ Unterscheidung zwischen Eigen- und Fremdkultur, bei der es keine Rolle spielt, ob das Fremde als Wunsch- oder Feindbild beneidet wird, nicht schon schlimm genug: Der ganz große Aufklärungsverrat wird von einer globalen Linken organisiert, die nichts lieber tut, als sich aus dem jeweils heimeligen Kollektiv heraus einen Juden zu basteln, der für das Elend verantwortlich gemacht wird, das man selbst tagtäglich aktiv reproduziert.


Fußnoten

2 Initiative Sozialistisches Forum (1997): Vom Mensch zum Ding, in: Dies. (2001): Flugschriften gegen Deutschland und andere Scheußlichkeiten, Freiburg: ça ira, S. 101–107, hier: S. 104 f.

3 Vgl. Bruhn, Joachim (2011): Echtzeit des Kapitals, Gewalt des Souveräns . Deutschlands Zukunft in der Krise, in: Bahamas, Nr. 63 (Winter 2011/2012), S. 67 –78, online: http://www.ca-ira.net/isf/beitraege/bruhn-echtzeit.gewalt.html

4 Wo das bloße Abkürzungsbild allein schon viel vom Wahn verrät. Beide Beiträge der Zwischenkundgebung von Attac und vom Friedensforum online: http://www.bremerfriedensforum.de/pdf/Fluechtlingsdemo_15-10-2015.pdf.

6 Nachtmann, Clemens (2012): Die demokratisierte Volksgemeinschaft als Karneval der Kulturen. Von der Verallgemeinerung des Postnazismus und dem Altern antideutscher Kritik, in Grigat, Stephan: Postnazismus revisited. Das Nachleben des Nationalsozialismus im 21. Jahrhundert, Freiburg: ça ira, S.53

12 „Pseudo-Aktivität ist generell der Versuch, inmitten einer durch und durch vermittelten und verhärteten Gesellschaft sich Enklaven der Unmittelbarkeit zu retten. Rationalisiert wird das damit, die kleine Veränderung sei eine Etappe auf dem langen Weg zu der des Ganzen. Das fatale Modell von Pseudo-Aktivität ist das »Do it yourself«, Mach es selber: Tätigkeiten, die, was längst mit den Mitteln der industriellen Produktion besser geleistet werden kann, nur um in den unfreien, in ihrer Spontaneität gelähmten Einzelnen die Zuversicht zu erwecken, auf sie käme es an.“ Adorno, T. W. (2003): Resignation, in: Ders.: Gesammelte Schriften 10.2: Kulturkritik und Gesellschaft II, S. 794–799.

Aktion Zaungast

„jemand, der sich nicht als offizieller Besucher, offizielle Besucherin bei etwas aufhält, sondern nur aus einiger Entfernung zusieht (ohne eingeladen zu sein, ohne dafür bezahlt zu haben)“1

Zaungast war für Adorno, wer schüchtern vom Rand des Geschehens dem Ausdruck verleiht, was das Positive sein könnte. Zur Aktion wird uns dieser Modus der Kritik nicht, weil wir genau dies zum Ziel hätten. Zur Aktion wird uns der Zaungast als Modus der Ideologiekritik, der Negation von falschem Bewusstsein einer falschen Welt. Kritik sucht das Richtige vom Falschen zu spalten und zielt auf die Subjekte, die die Ideologie hervorbringen und sich nicht mit den Verhältnissen entschuldigen können. Sie setzt einen „bösen Blick“ auf, der „Phänomene [trifft], welche man verfehlt und verharmlost, solange man sie als bloße Fassade der Gesellschaft von obenher abtut, ohne bei ihnen zu verweilen.“ (Adorno)2 Gerade für uns gilt dabei, was wir anderen klar machen wollen; ganz falsch wäre zu behaupten, wir wären nicht auch Teil des schlechten Ganzen, das wir kritisieren, wären „dem Bannkreis des Daseins […] entrückt“ (Adorno).3 Es ist gerade die Reflexion darauf ein Beobachtungsmodus, der weniger über das Bestehende konkret hinausweist, als nur zu bestimmen vermag, „welche Gestaltung der menschlichen Dinge falsch ist […], einzig in diesem bestimmten und konkreten Wissen ist […] das Andere, Positive offen“. (Adorno)4

In der Figur des Zaungast kommt zum Ausdruck, wie noch der Ungeladene, der einen distanzierten Blick vom Seitenaus auf das Geschehen werfen möchte, Teil dieses Geschehens selbst ist, so sehr er auch Abstand halten mag, so sehr er unerwünscht ist. Die Aktion verwirft die Rede von unverbindlicher Maulwurfsarbeit und zielt aufs Handgemenge der Kritik, auf die Destruktion der Identität ihres Gegenstandes: „[I]m Handgemenge handelt es sich nicht darum, ob der Gegner ein edler, ebenbürtiger, ein interessanter Gegner ist, es handelt sich darum, ihn zu treffen.“ (Marx)5

Die Kritische Theorie zitieren wir nicht etwa, um eigenes Denken zu vermeiden, sondern weil hier an den Versuch angeknüpft werden kann, das schlechte Ganze der modernen Gesellschaft auf den Begriff zu bringen. Wir halten es für sinnvoll dort, wo unsere Texte, wie wir meinen, „die Zitate herbeizitieren“ (Adorno)6, diese in theoretische Konstellationen einzurahmen.

Die Aktion Zaungast versieht sich mit den Attributen antifaschistisch und anti-völkisch. Sie richtet ihren Blick auch nach links, immer in der Hoffnung, dass dort noch etwas zu retten wäre. Sie ist keine Absage an Praxis, diese darf sich ihrer Ohnmacht bewusst vielmehr umso pragmatischer nicht nehmen lassen, vehement auf Wahrheit zu dringen und nicht etwa auf pluralistisches Einerlei.

Die linken Bremer Zustände, getragen von Selbstbeweihräucherungskampagnen, tristem Szenealltag und dem notorischen Agieren in unsäglichen Bündnissen, das Publikum als pädagogisch zu umsorgende Masse und nicht als mündige Menschen umwerbend, mit Aufrufen, die sich in ihrem undogmatisch opportunistischen Ton bestenfalls selbst nicht so ganz ernst nehmen und schlimmstenfalls nur widerlich zu nennende Auswürfe Deutscher Ideologie darstellen, haben die Aktion Zaungast gewissermaßen erst ermöglicht.

Was Ernst Bloch einmal zur modernen Ungleichzeitigkeit bemerkte, kann deswegen ohne Weiteres auch für das linke Bremische Standortkollektiv gelten: „Die Unsicherheit, welche bloß Heimweh nach Gewesenem als revolutionären Antrieb erzeugt, setzt mitten in der Großstadt Gestalten, wie man sie seit Jahrhunderten nicht mehr sah. Doch auch hier erfindet das Elend nichts oder nicht alles, sondern plaudert nur aus, nämlich Ungleichzeitigkeit, die lange latent oder höchstens eine von gestern schien, nun aber über das Gestern hinaus in fast rätselhaftem Veitstanz sich erfrischt. Ältere Seinsarten kehren derart gerade städtisch wieder […].“7 Die hier anzutreffenden Verfallserscheinungen linker Ideologie verweisen doppelt auf das Unmittelbare und verfehlen es dabei total. Sie rechnen die „Schuld den Phänomenen zu“ (Adorno)8 und behaupten dabei, dem unmittelbaren Leid Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, anstatt sich zu nötigen „vorm Kleinsten zu verweilen. Nicht über Konkretes ist zu philosophieren, vielmehr aus ihm heraus“ (Adorno)9. Die grobschlächtige Hinwendung ideologischer Subjekte zum vermeintlich Konkreten aber tut dem Objekt entweder Gewalt an – „Kollektivität als blinde Wut des Machens“ (Adorno)10 – oder ist vollkommen in Wert gesetztes Engagement, das in seinen aktivistischen Ausprägungen nicht bloß lächerlich, sondern auch gefährlich sein kann.

Die Aktion Zaungast braucht nicht verschweigen, dass ihr Blick nach links einer Idiosynkrasie der Enttäuschung entspringt, die uns auch biografisch anficht, die nicht einfach dem offensichtlichen Elend linker Ideologie allein geschuldet ist, sondern Verrat zum Gegenstand macht. Der immergleiche Vorwurf gegen Ideologiekritik, sich mit den Ausbeutern gemein zu machen, der in seiner selbstentmündigenden Gestalt als anti-intellektuelles Ressentiment viel davon verrät, wie nah ihm die Ahnung vom eigenen Fehlurteil bisweilen ist, ist gegen sich selbst zu wenden. Der einzige Verrat, den man vernünftigerweise zum Vorwurf erheben kann, ist der Aufklärungsverrat, da ein freier Mensch keine Ehre kennt. Diesem organisierten Aufklärungsverrat der globalen Linken setzen wir den Volksverrat als Modus der Kritik entgegen, ihr Ziel wäre der Volkstod, ein Zustand, „in dem man ohne Angst verschieden sein kann.“ (Adorno)11

Wie nämlich der sich antirassistisch geläutert gebende Staat immer wieder daran erinnert werden muss, dass er fleischgewordene Deutsche konsequent unschädlich zu machen hätte, muss der weitgehend demobilisierte Aktivbürger im postnazistischen Deutschland einschließlich seiner linken Ausprägungen dringend davon abgehalten werden, seine Demokratieexpertise in die Tat umzusetzen. Es ist dabei sowohl dann aufzuhorchen, wenn der Souverän in Staatsunmittelbarkeit aufgehen soll, wie wenn eine Racketisierung des Politischen angestrebt wird. Der Ruf nach Gemeinschaft und Bewegung ist dem nach Blut ganz nahe und droht permanent in eine kollektivirre Jagd auf vermeintlich Schuldige umzuschlagen. Dieser von den Subjekten frei gewählte Wahn hat sich insbesondere als deutscher gezeigt und ist deswegen Deutsche Ideologie zu nennen. Er wird nicht einfach bloß von den ideologischen Ausprägungen des Naturverhältnisses der Moderne hervorgebracht; das wertprozessierende Naturverhältnis, die In-Wert-Setzung der Welt und menschlicher Arbeit in vergleichender Automatik sind sich selbst dieser Wahn und sind es nicht. Die bürgerlich wie männlich zu nennende Subjektzurichtung macht die Subjekte zugleich ihrer selbst mächtig und sprengt ihre archaischen Fesseln, wie sie herrschaftsvermittelte Ausbeutung und alles Unheil antisemitischer Krisenlösung schon in sich trägt. „So wahr es ist, dass man den Antisemitismus nur aus unserer Gesellschaft heraus verstehen kann, so wahr scheint es […] zu werden, dass heute die Gesellschaft selbst nur durch den Antisemitismus richtig verstanden werden kann.“ (Horkheimer)12

Zu allem Schlechten, das die Menschheit seit jeher zurichtet, tritt in der Moderne dies integrale Motiv hinzu, der projektive Hass auf Vermittlung und die Wut auf Volkszersetzung, der viele arbeitsame und arbeitsfaule Völker kennt, aber nur ein Nicht-Volk. Diese ‚Dialektik der Aufklärung‘ erfordert unausweichlich, dass die zu bestaunenden Ist-Bestände an Bürgerlichkeit und allgemeinem Recht gegen das verteidigt werden müssen, was noch Schlimmeres verheißt. Die mythische Rationalisierung von vermittelter zweiter Natur als Wahn, der sich gegen die Imago des zersetzenden Nicht-Identischen richtet, fantasiert sich weiterhin ungestört einen Juden herbei, schimpft auf fremdkulturelle ‚Sozialschmarotzer‘ und bedroht Israel als ‚Jude unter den Staaten‘, als hätte es Hitler und Al-Husseini nicht gegeben. Das unbedingte Festhalten an gesellschaftlicher Vermittlung, an dem, was man also bürgerlich, was man westlich, was man Aufklärung nennen kann, ist keine utopielose Haltung, sondern die Einsicht aus Geschichte und Abendnachrichten, dass es weitaus Schlimmeres gibt als Angela Merkel und den bürgerlichen Staat, so sehr paradox antibürgerlich ihm die antisemitische Krisenlösung auch eingeschrieben ist. Ein jeder Antifaschismus, der als solcher gelten kann, erfordert deswegen die bedingungslose Solidarität mit Israel und sagt jedwedem Antizionismus, also ganz besonders dem palästinensischen Mord- und Unterdrückungskollektiv samt seinen linken Unterstützern, den Kampf an. Es gilt das informelle Bündnis zwischen den vernichtungsantisemitischen ‚Befreiungskämpfern‘ und den ‚Kritikern‘ israelischer Gegenmaßnahmen, die jene anstacheln oder ihnen gut zureden, wie die ‚besorgten Bürger‘ es mit den Brandstiftern tun, schonungslos ins Visier zu nehmen.

Da schon Marx Deutsche Ideologie als territorial nicht eingrenzbare polit-ökonomische Konstellation zu charakterisieren wusste, kann deswegen gar nicht geleugnet werden, so wäre eine antideutsche Kritik auf Höhe der Zeit zu formulieren, dass sie in ihrer gefährlichsten Form außerhalb der Nazi-Erlebnisparks der Zone viel eher in Osteuropa, großen Teilen der globalen Linken und dem politischen Islam zu verorten ist.

Letzterer kokettiert als völkisch-revolutionäres Identitätsprojekt mit dem Faschismus; aus ungleichzeitigem Verspätetsein gegenüber der westlichen Welt und gegenüber der paradoxen Gleichheitssemantik der Aufklärung verstrickt er neidvoll Innerlichkeitsmystik und phallozentrische Lustfeindlichkeit zu antiimperialistischen Säuberungsfantasien und macht Jagd auf ‚Ungläubige‘. Ähnlich wie beim Verschmelzen von Staat und Souverän manifestiert sich im islamischen Umma-Sozialismus der volksgemeinschaftliche Charakter in dem totalen Ineinandergreifen von Religion, Demos und Staat, was sich in der Scharia spiegelt, und eine Trennung von Öffentlichkeit und Privatsphäre unmöglich macht. Einer Kritik an deutschen Verhältnissen muss es deswegen darum gehen, das kleine bisschen Freiheit, das bereits existiert, gegen seine negative Aufhebung zu verteidigen, sei es nun in Gestalt des Nationalsozialismus, Realsozialismus oder Umma-Sozialismus.

Freilich ist der Ur-Deutsche, der sich einfach so nennt, von der Kritik alles andere als auszunehmen. Er bleibt, weil zur Brandstiftung allzeit bereit, ihr Gegenstand. Wenn beispielsweise der deutsche Islamkritiker, um nur eine Variante herauszugreifen, beginnt Zeter und Mordio zu schreien, wissen alle, die es wissen wollen, dass hier nur eine Verdrängungsleistung vorliegt: wie gern wäre er selbst doch Herr im Haus, würde alles ‚Schwul-Lesbische, allen links-grün versifften Gender-Wahn‘ vor die Tür kehren – also das tun, was sein islamisches Volks- und Kulturpendant ebenso beschwört und soeben weltweit verschiedentlich durchexekutiert. Diese projektive Abspaltung wäre deswegen weniger antimuslimischer Rassismus als rassistischer Islamneid zu nennen.

Wer aber einer in Deutschland so beliebten Ungleichwertigkeitsideologie nichts entgegensetzen kann als einen ‚antirassistischen‘ „Naturschutzpark von Irrationalitäten“ (Adorno)13, dem jedes noch so rückständige Kollektiv als schützenswerter Volksstamm gilt, was mit nichts weiter als mit Herkunft, Kulturrelativismus und antiimperialistischen Phantasmen begründet wird, wo Aufklärung doch am mündigen Individuum anzusetzen hätte, befördert die globale Regression: „Die wahre Kritik der barbarischen Kultur aber könnte sich nicht damit begnügen, barbarisch die Kultur zu denunzieren. Sie müßte die offene, kulturlose Barbarei als Telos jener Kultur bestimmen und verwerfen, nicht aber krud der Barbarei den Vorrang über die Kultur zusprechen, nur weil sie nicht mehr lügt.“ (Adorno)14 Eine Kritik der Verhältnisse hätte sich an die dem gesellschaftlichen Fortschritt immanenten, aber verratenen Versprechungen zu halten, anstatt das Mündigkeitsideal der Aufklärung zu hintergehen.

Da das allermeiste linker Bewegung ausweislich solcher Zumutungen nichts weiter tut, als dafür zu sorgen, dass man sich zum Kommunismus fast nur noch mit Argwohn bekennen mag, bleibt als Emanzipationsprojekt, an das neben dem Zionismus als praktischer Antifaschismus einzig anzuknüpfen wäre, der Feminismus – nicht im Sinne vermeintlich anti-sexistischer Banden, sondern als Kritik des Bestehenden in Begriffen, die über sich selbst hinausweisen können. Teilen feministischer Kritik kann man ganz im Gegensatz zur poststrukturalistischen Racketisierung zugutehalten, dass sie mit ihren kritischen Hinwendungen zu Herrschaftsstrukturen, Sexualität, Naturverhältnis und kapitalistischer Vergesellschaftung bisweilen sehr feinfühlige materialistische Arbeit am Begriff geübt haben. Wenn man allerdings den tatkräftigen männlichen (Sozial-)Charakter angesichts dessen, was man dieser Tage erleben muss, allen Ernstes bloß vordergründig am nur noch peinlich zu nennenden Gestus männlichen Dominanz-Krakeelens spätkapitalistischer Subjektzurichtung denunzieren kann, ist der Gegenstand der Kritik abhanden gekommen. Dieser poststrukturalistische Blick „reißt den Objekten die ideologischen Fetzen herunter, um jene ungestörter manipulieren zu können. Seine Wut gilt dem verdammten Schwindel eher als dem schlechten Zustand.“ (Adorno)15 Am erstaunlichsten nimmt sich denn auch der poststrukturalistische Aufklärungsverrat dort aus, wo selbst die so unmittelbare wie offenkundige Herrschaft rückständiger Männerhorden beschwiegen oder in manischem Kulturrelativismus als Produkt des Westens entnannt wird.

Die Arbeit am Mann ist weitestgehend einzustellen, die am ‚Mann der Tat‘, das heißt am männlichen Prinzip der Selbstunterwerfung und ihrem Naturzugriff ist es so lange nicht, wie der männliche Charakter als kapitalistisches Naturverhältnis in Konstellation zu Faschismus, Sexualität, Projektion und Antisemitismus nicht richtig in den Blick genommen und das bürgerliche Subjekt gegen sich selbst gerettet wird.16 Soll der Begriff Männlichkeit über irgendetwas hinausweisen „als das bloß Vorgegebene“ (Adorno)17, wäre es lohnenswert, beispielsweise die maskulinistischen Neid-Projektionen als falsche Auflösung falscher Widersprüche auszuweisen und Männlichkeit zu begreifen als „bürgerlichen Naturbegriff, der von je einzig dazu getaugt hat, die gesellschaftliche Gewalt als unabänderliche, als ein Stück gesunder Ewigkeit zu proklamieren.“ (Adorno)18

Wer es also ernst meint mit dem Kommunismus als einer Assoziation freier Individuen und der Frage, wie „ein Ganzes sein [kann], ohne dass dem Einzelnen Gewalt angetan wird“ (Adorno)19, kann nicht darum herumkommen, das globale djihadistische Treiben vollends an und für sich zu diskreditieren und das Morden durch palästinensische Banden, Islamisten sämtlicher Couleur oder anderer mit ihnen sympathisierender oder neidprojektiv verbundener rechter und linker Rackets auf Europas Straßen als Deutsche Ideologie zu denunzieren. Der eingreifenden Polemik des Zaungasts kann es angesichts dessen nur darum gehen, „den Deutschen keinen Augenblick der Selbsttäuschung und der Resignation zu gönnen. Man muss den wirklichen Druck noch drückender machen, indem man ihm das Bewusstsein des Drucks hinzufügt, die Schmach noch schmachvoller, indem man sie publiziert. Man muss jede Sphäre der deutschen Gesellschaft als die partie honteuse [den Schandfleck] der deutschen Gesellschaft schildern, man muss diese versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwingen, dass man ihnen ihre eigne Melodie vorsingt!“ (Marx)20

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Fußnoten

2 Adorno, T. W. (2003): Veblens Angriff auf die Kultur, in: Ders.: Gesammelte Schriften, Bd. 10.1: Kulturkritik und Gesellschaft I, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, S. 72–97, hier S. 79.

3 Adorno, T. W. (2003): Zum Ende, in: Ders.: Gesammelte Schriften, Bd. 4: Minima Moralia, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, S. 283.

4 Adorno, T. W. (2003): Individuum und Organisation, in: Ders.: Gesammelte Schriften, Bd. 8.1: Soziologische Schriften I, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, S. 440–456, hier S. 456.

5 Marx, Karl (1976): Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung, in: MEW, Bd. 1, Berlin: Dietz, S. 378-391, hier S. 381.

6 Adorno, T. W. (2003): Hinter den Spiegel, in: Ders.: Gesammelte Schriften, Bd. 4: Minima Moralia, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, S. 95–98, hier S. 98.

7 Bloch, Ernst (1977): Erbschaft dieser Zeit, in: Ders.: Gesamtausgabe in 16 Bänden, Frankfurt: Suhrkamp, S. 108 f.

8 Adorno, T. W. (2003): Veblens Angriff auf die Kultur, in: Ders.: Gesammelte Schriften, Bd. 10.1: Kulturkritik und Gesellschaft I, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, S. 72–97, hier S. 91.

9 Adorno, T. W. (2003): Negative Dialektik, in: Ders.: Gesammelte Schriften, Bd. 6, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, S. 7–412, hier S. 44.

10 Adorno, T. W. (2003): Sur l’eau, in: Ders. Gesammelte Schriften, Bd. 4: Minima Moralia, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, S. 178–179, hier S. 179.

11 Adorno, T. W. (2003): Melange, in: Ders. Gesammelte Schriften, Bd. 4: Minima Moralia, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, S. 116.

12 Horkheimer, Max: uncertified

13 Adorno, T. W. (2010): Einführung in die Dialektik (1958), in: Ders. Nachgelassene Schriften, Abteilung IV: Vorlesungen, Bd. 2, Berlin: Suhrkamp, S. 266.

14 Adorno, T. W. (2003): Veblens Angriff auf die Kultur, in: Ders.: Gesammelte Schriften, Bd. 10.1: Kulturkritik und Gesellschaft I, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, S. 72–97, hier S. 94.

15 Adorno, T. W. (2003): Veblens Angriff auf die Kultur, in: Ders.: Gesammelte Schriften, Bd. 10.1: Kulturkritik und Gesellschaft I, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, S. 72–97, hier S. 93.

16 Vgl. Dornis, Martin (2009): Die negative Dialektik des männlichen Subjekts. Reflexionen über eine materialistische Kritik der Geschlechterverhältnisse, in: Outside The Box, Nr. 1, online: http://www.outside-mag.de/issues/1/posts/53.

17 Adorno, T. W. (2003): Veblens Angriff auf die Kultur, in: Ders.: Gesammelte Schriften, Bd. 10.1: Kulturkritik und Gesellschaft I, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, S. 72–97, hier S. 95.

18 Adorno, T. W. (2003): Sur l’eau, in: Ders. Gesammelte Schriften, Bd. 4: Minima Moralia, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, S. 178–179, hier S. 179.

19 Adorno, T. W. (1993): Beethoven. Philosophie der Musik, in: Ders. Nachgelassene Schriften, Abteilung I, Fragment gebliebene Schriften, Bd. 1: Philosophie der Musik; Fragmente und Texte, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, S. 62.

20 Marx, Karl (1976): Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung, in: MEW, Bd. 1, Berlin: Dietz, S. 378-391, hier S. 381.

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