Wutbürgerin der Woche: die ‚Streetart-Künstlerin‘ „Barbara“

„Seit einiger Zeit passieren an ausgewählten Orten Deutschlands mysteriöse Dinge: Eine Unbekannte namens Barbara verwandelt Schilder, Plakate und Infotafeln in verblüffende Kunstwerke, die mit Humor und Fantasie in den öffentlichen Raum funken. Spielerisch, ironisch und subversiv entlarvt sie hohle Slogans, unterläuft sinnfreie Verbote und führt wortreiche Warnungen ins Absurde.“ 1

Die hier in Rede stehende Heidelberger ‚Street-Art-Künstlerin‘ Barbara und ihr sinnlicher Humor erfreuen sich seit einiger Zeit steigender Beliebtheit. Exemplarisch für den ausschweifenden Meinungspluralismus, der sich wie jedes Jahr auch für deutsche Verhältnisse immer wieder aufs Neue spürbar aufdringlich über dem Normalmaß ansiedelt, sticht Barbara als besonders indiskreter Fall kulturdeutscher Originalität hervor. Mit Parolen wie: „Die Unterschiede zwischen Christentum und Islam sind genauso überbewertet wie die Unterschiede zwischen Pepsi und Coke,“; „Welche Sanktionen hat Europa eigentlich gegen die USA verhängt, als die in den Irak einmarschiert sind? Und von wegen Drohnen und NSA und so…“; „Die Menschheit sollte einfach mal ihre Basis chilln“; „Teletubbies gegen Homophobie“ oder „Jedes Mal, wenn Pegida ‚Wir sind das Volk‘ brüllt, ist dieses arme Kätzchen traurig und muss weinen.“ drappiert sie nebenberuflich den öffentlichen Raum gegen das Böse dieser Welt. Mitunter frönt sie dabei auch dem emanzipierten Pennälerwitz: „VIBRATOR klingt nicht wirklich schickt, drum nehm ich meinen SELFIE-STICK“. 2

Keine Untiefe der postmodernen Mottenkiste ist Barbara zu blöd, auf ihrem ideologieannotierenden Feierabendfeldzug vereint sie so ziemlich alles, was auch der gesellschaftliche Mainstream landauf, landab täglich durchexerziert. So wundert es nicht, dass die Fotos ihrer Werke vortrefflich zur Identifikation für die virtuelle Netzwerköffentlichkeit taugen und nur ihre bisweilen auftauchenden rechten und linken ‚Kritiker‘ sind ab und an in der Lage, dieses kuriose Sammelsurium teutonischer Plumbomantie zu unterbieten, das viel über den geistigen Zustand von Land und Leuten aussagt.

„Dieser Befehlston verletzt meine Gefühle“

Die gesellschaftliche Tendenz zum Positiven, die Adorno schon vor Jahrzehnten als Vorschein der sich wandelnden irrationalen Verhältnisse verdächtigt hatte, kaschiert die Ahnung davon, wie sehr die allgemeinen objektiven Zustände die eigene Ichbildung deformieren. So, wie Flüchtlinge anhaltend im kulturrelativistischen Vokativ infantilisiert und verdinglicht werden, ist auch der jugendliche Gestus, mit dem Barbara ihre antiautoritären Meinungen den Verbotsschildern im öffentlichen Raum auf Spiel- und Parkplätzen entgegenorakelt, paradigmatisch für postmoderne Verhältnisse.

Über Barbara heißt es: „Sie ist politisch, vermutlich Mitte-links. Sie hat etwas gegen Autoritäten, sie ist friedliebend. Barbara ist intelligent, schlagfertig, einfallsreich, gewitzt, weltoffen, cool – und eine Bereicherung für unser Straßenbild.“ 3 Dass keine Gefahr von diesen geistigen Zuständen und ihrer Hegemonie in allen relevanten Öffentlichkeitssphären ausginge, muss in präfaschistischen Zeiten bezweifelt werden. Barbaras kulturrelativistisch deutsches Apostolat, bestehend aus einer beispiellosen Anhäufung antiautoritärer Ergüsse, spaltet das eigene Bedürfnis zur Verregelung der Umwelt dabei nur ab.

Diese zeitgemäßen Formen von Infantilisierung und Verdinglichung, bei ihr nur besonders sinnfällig, aber längst Legion geworden, sind integraler Bestandteil des konstruktiven Meinungspluralismus. Dort, wo man sich im Zweifel lieber auf postnazistische Moral statt auf so etwas wie Wahrheit besinnt und noch im achselzuckenden Einbekenntnis der eigenen Ohnmacht nur umso lauter dazu aufplustert, den eigenen desolaten Zustand aufs Fremde und Abstrakte zu projizieren, ist man nicht zuletzt gefühlslinks zu nennen. Diese präfaschistische mehrheitsgesellschaftliche Gefühlswelt ist deswegen so gefährlich, weil sie fortwährend an der – und sei es auch zunächst dezent erscheinenden – Barbarisierung der Verhältnisse mittut. Die Unfähigkeit zur Islamkritik, die man mit der AfD teilt, macht das Leben von Homosexuellen, Juden, zwangsvergemeinschafteten Frauen und vor allem auch Muslimen, insbesondere jenen zahlreichen, die längst lieber heute als morgen ein bisschen Islam gegen ein großes Stück Freiheit eintauschten, noch gefährlicher und trostloser, als es vielerorts ohnehin schon ist. Mehr noch: die ganz eigene postnazistische ‚Israelkritik‘ beweist, dass man klammheimlich froh ist, dass das Reinewerden mit der deutschen Geschichte nun fremdkulturell outgesourct werden kann. War die kryptoantisemitische Leier unter zeigefingervehementen Gefühlslinken ohnehin schon immer nur parziell vom rechten Stammtischpalaver zu unterscheiden, muss man nun ganz real dabei zuschauen, wie das islamophile Ticket als mehrheitsgesellschaftlicher Versuch, dem eigenen tristen Dasein zu entkommen, mit dem man allmorgendlich wieder zu sich kommt, desto beständiger um sich greift, je mehr es von der Realität kontrastiert wird. Nicht nur dort, wo politische Kommunikation ihr nationales Spiegelspiel zum moralischsten Volksgenossen netzwerkkreativ durchinszeniert, gebricht es den massenhaft Vereinzelten regelmäßig an Mindestformen im kritischen Umgang miteinander und ganz allgemein überhaupt am Mindestmaß notwendiger Denkanstrengung, die es bräuchte, um den sich immerfort irrationalisierenden Verhältnissen wenigstens ein klein wenig Vernunft entgegenzusetzen.

Der ‚Vernunftglaube‘, der sich stattdessen breit macht, und der sich gar nicht infantil genug präsentieren kann, ist kennzeichnend für den real grassierenden Meinungspluralismus samt seiner gefährlichen antirassistischen Feindsemantik, mit der man sich regelmäßig die je eigenen Mythen zurechtbastelt und den Islamkritiker zum Rassisten stempelt.

„Die Mythologie selbst hat den endlosen Prozess der Aufklärung ins Spiel gesetzt, in dem mit unausweichlicher Notwendigkeit immer wieder jede bestimmte theoretische Ansicht der vernichtenden Kritik verfällt, nur ein Glaube zu sein, bis selbst noch die Begriffe des Geistes, der Wahrheit, ja der Aufklärung zum animistischen Zauber geworden sind. Das Prinzip der schicksalhaften Notwendigkeit, an der die Helden des Mythos zugrunde gehen, und die sich als logische Konsequenz aus dem Orakelspruch herausspinnt, herrscht nicht bloß, zur Stringenz formaler Logik geläutert, in jedem rationalistischen System der abendländischen Philosophie, sondern waltet selbst über der Folge der Systeme, die mit der Götterhierarchie beginnt und in permanenter Götzendämmerung den Zorn gegen mangelnde Rechtschaffenheit als den identischen Inhalt tradiert.“ (Adorno/Horkheimer) 4

„Hass ist krass. Liebe ist krasser.“

Barbaras kindliche Formulierungen, das abstrakt zur Personalisierung strebende Lamento, der stete Kulturrelativismus sind als ganz besonders plastischer Ausdruck des frei flottierenden Wahns und der sich daran anschließenden Barbarisierung zu begreifen. Dass Barbara sich in ihren konformistischen Einlassungen selbst nicht so ganz ernst nimmt, zeigt nur, wie der Drang zum Positiven die falschen Verhältnisse in der Form des ‚ungeglaubten Glaubens‘, als Alltagsideologie spiegelt und gleichzeitig dahin strebt, sie negativ aufzuheben.

Als Barbara sich zunehmend erlaubte, linke und rechte Gewalt, Pauschalisierungen gegenüber Polizisten und einen Sticker aus dem Umfeld der Vorzeigeantinationalen einer Berliner umsGanze Gruppe mit der Aufschrift „Deutschland du mieses Stück Scheiße“ anzuprangern, geriet sie ins Kreuzfeuer der Bewegungslinken.

Die Erkenntnis, dass es sich bei Deutschen immer noch um ein Mordkollektiv im Wartestand5 handelt, wäre – freilich ohne die penetrante analcharaktere Zurschaustellung der eigenen Infantilität – so falsch nicht. Allein meinen die Antinationalen gerade nicht eine polit-ökonomische Konstellation, in der die Scholle mal mehr mal weniger offen als bedrohtes Vehikel zur Mobilisierung der eigenen Volksbanden figuriert. Sie führen ‚deutsch‘ nicht als einen historisch belehrten, erfahrungsoffenen Begriff, ihr Antinationalismus ist eine positivistische Kategorie, der ex negativo nicht mehr einfällt, als man hiesigen Kulturchauvinisten abhorchen kann, die ja ebenfalls fast nur noch als Ethnopluralisten auftreten. Eine solche antinationale Plattitüde hat schon allein deshalb mit Deutschland kein wirkliches Problem, weil die abstrakte Negation von Kapital und Staat nur dazu führt, dass die deutsch-nationale Mystik in den linkskonformistischen Postnazismus umarrondiert wird, der allenthalben anzutreffen ist.

Wie allgemein üblich für postnazistische Moral berherrscht auch die gefühlslinke Barbara dabei zweierlei. Zum einen die postmoderne und durchaus auch angelsächsisch zu nennende „automatisiert[e] Neigung, Erkenntnisse durch den Hinweis auf ihre Bedingtheit im Erkennenden zu relativieren“. Zum anderen die deutsche Versuchung: „Der Kapitulation vor undurchdrungenen Fakten und der Anpassung des Gedankens an die je bestehende Realität im Westen entspricht in Deutschland der Mangel an Selbstbesinnung, die Unerbittlichkeit des Größenwahns.“ (Adorno)6

Begnügt sich der klassische Zeitungsastrologe in seinem „unrealistischen Realismus“ (Adorno)7 noch damit, das verdinglichte Schicksal seinen ich-schwachen Lesern berechenbar zu wähnen, schmilzt Barbara mit jeder Wahrheit auch das ein, was als Öffentlichkeit und Privatheit zu trennen wäre. Die Indiskretion ihres raumgreifenden Engagements, das Ersetzen jedes universalistischen Urteils durch partikularistische Meinungsfolklore ist die Vorstufe zur vermeintlichen Dezenz des salafistischen Bahnhofs-Missionars und seinem strafenden Allmachtsanspruch. Gesteht die bürgerliche Ideologie im beständigen Leistungsantrieb, hinter dem auch in den entwickelten Ländern nicht nur der gesellschaftliche Tod lauert, den Individuen durch ihre Gleichheitssemantik immerhin noch zu, den geronnenen Verhältnissen mit Fleiß und Ehrgeiz etwas abtrotzen zu können, ohne direkt über Leichen gehen zu müssen, zumeist solange man zu den grundsätzlich Verwertbaren gehört, postuliert Barbara als Antrieb bloß unbestimmt, was sie „Liebe“ nennt, das wie die Barmherzigkeit des Mehrheitsislams in Wahrheit aber eine Chiffre für Dummheit, Neid und Hass ist.

Kennt das bürgerliche Zivilrecht eine Privatheit, die sich auch abseits von Ehre und Familie erstrecken kann, indem es die Distanz zur ‚Blutsurenge‘ legalisiert, was sie vom islamischen Ehrenbann und auch dem Berliner Sozialstaatsmodell fundamental unterscheidet, bewegt Barbara sich in ihrer konformistischen Rebellion geistig ganz auf Höhe der Couch des männlich versubjektivierten Klubs und seiner narzisstischen Regeln, der „Stätte eines auf rücksichtsvoller Rücksichtslosigkeit gegründeten Respekts“. (Adorno)8

Statt etwa der um sich greifenden Kultursensibilität entgegenzutreten, die statt Menschen nur noch Volksreligionen kennen will, und sich die eigene Unliebsamkeit und die Unfähigkeit zur libidinösen Objektbeziehung einzugestehen, wird der in all seiner Konstruktivität tatsächlich rauer werdende herrschende Umgangston dort, wo rechtsstaatliche Autorität immerhin noch ein geregeltes Leben zu garantieren versucht, also eine Ordnung, die in ihrer kalkulierbaren Zudringlichkeit auch auf Gleichheit zielt, als groteske Unzumutbarkeit im Gestus des Kleinkindes bekämpft. Anstatt sich den kläglichen Rest davon, was man Subjektivität nennen könnte, durch das Bemühen von Vernunft und Kritik zu erhalten, ist Barbaras infantiler Subjektstatus – „Ich (k)lebe also bin ich“9 – Ausweis verhältnisaffimierender Verdinglichung.

Dass sich davon hunderttausende Deutsche ganz begeistert zeigen und sich ihre eigene Unliebenswertheit in Form eines Facebook-Likes selbst bestätigen, ist nicht weiter verwunderlich. Denn Barbara wagt sich mit ihren Albernheiten immer nur so weit vor, wie die infantile, nachbürgerliche Form ihrer Schildchen kulturindustrielle In-Wert-Setzung verspricht. In Zeiten, in denen autoerotisches Netzwerken, unbedingte Konstruktivität, zwanghaft aufgeweckte Facebook-‚Meme‘, sprich: das Leistungsportfolio des Engagierten Ton und Regel vorgeben, spielt die Ich-AG Barbara konformistisch mit dem Narzissmus der Zugerichteten, „spekuliert auf die mächtigen libidinösen Ressourcen der Eitelkeit. Ihr ist jedes Mittel der Befriedigung recht. An nächster Stelle steht die Angst, die [sie] dem Leser mehr oder minder versteckt suggeriert. Daß jeder stets von etwas bedroht werde, muß aufrechterhalten werden: sonst verkümmert das Hilfsbedürfnis. Drohung und Beistand sind dabei so ineinander verflochten wie bei manchen Geisteskrankheiten. […] [Der] Anspruch, im trüb Besonderen eines willkürlichen Credos [eine] umfassende, ausschließende Bedeutung zu hüten, deutet auf den Übergang liberaler in totalitäre Ideologie.“(Adorno)10

„das Maß von Tiefe heute heißt Widerstand, und zwar Widerstand gegen das Geblök“ (Adorno)11

Kunst, die als verweltlichte Magie bei den Polen des Spiels und des Scheins sich auftäte, kann man Barbaras alltagsideologische Erzeugnisse nicht nennen, ohne sich selbst zum Barbar zu erklären. Jene wäre nach Adorno wie das Spiel ein Stück von der Last und der Lüge befreit, Wahrheit zu sein, und verwiese dabei auf ein dahinterstehendes Ganzes, das auch als versöhntes aufschiene. Barbara kennt weder Schein noch Rätsel, nur den Glanz ihrer postnazistischen Meinung, die sie zu Markte trägt wie das dahingespielte Kätzchen-‚Mem‘. Ihre Kulturgutproduktion, die der Realität als Deckbild sich andient und deswegen spielerisch, aber nicht Spiel zu nennen wäre, ist der albern inszenierte Blockwartimpuls des menschenfeindlichen Narzissten, der für sich beansprucht, was er anderen verwehrt, sobald die allgmeinen Regeln seinem Gefühl misshagen.

„Wo keiner sich über die objektive Nichtigkeit seiner selbst und aller anderen Illusionen macht, aber trotzdem jeder gezwungen ist, die leere Identität seines Selbst um den Preis des gesellschaftlichen Todes zu verteidigen, ist es der größte Stolz der Rumpfsubjekte, nicht mit sich spielen zu lassen, und ihre größte Genugtuung, den beliebigen Nächsten zum Verfügungsmaterial der eigenen Subjektivität zu machen.“(Klaue)12

Wenn Barbara kundtut, „Ich wünsche allen homophoben Menschen schwule Töchter und lesbische Söhne.“, plaudert sie aus, was sie sonst zu kaschieren sucht. Der Beistand einer Gefühlsjihadistin wird noch dort, wo man bloß ohne Angst verschieden sein möchte, zur unverhohlenen Drohung. In Barbaras Wunschfantasie wird noch der Schutzraum, den Familie als Ort zum Anlehnen, als Ort des Trostes und bedingungsloser Zärtlichkeit eben auch verspräche, zum Ort der Angst, um ein paar schäbige Lacher abzugreifen.

Barbaras Totalausfall ist uns Anlass und Grund genug, sie zur Wutbürgerin der Woche zu küren. Die Auszeichnung gebührt ihr dabei stellvertretend für die ganze islamophile Selbstverdummung, die daran mitwirkt, Hass auf Homosexuelle, Juden und damit immer schon: Weiblichkeit, hoffähig zu halten; stellvertretend für all die niederträchtigen Einlassungen, die nach dem Massaker in Orlando zu lesen waren, und die beschweigen und damit verdinglichen, was ja zu ändern wäre, weil es kein Schicksal ist.


Fußnoten

2 Wir verzichten auf die Einzelnachweise ihrer Sprüche, es findet sich online noch allerhand gleiches Material.

4 Adorno/Horkheimer: Dialektik der Aufklärung, GS 3: S. 27 f.

5 Vgl. ISF: Furchtbare Antisemiten, ehrbare Antizionisten, ca ira, S. 17.

6 Adorno: Meinung Wahn Gesellschaft, GS 10.2, S. 592.

7 Adorno: Aberglaube aus zweiter Hand, GS 8, S. 163.

8 Adorno: Minima Moralia: tough Baby, GS 4, S. 51.

10 Adorno: Aberglaube aus zweiter Hand, GS 8, S. 156 und 176.

11 Adorno: Vorlesung über Negative Dialektik, Nachgelassene Schriften/IV, Band 16, S. 157.

12 Klaue, Magnus: Lasst nicht mit euch spielen!, in: http://jungle-world.com/artikel/2016/12/53705.html

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